Kultur

Cover Deck

Buchtipp: Viviane Elisabeth Fauville

5. September 2013 • Kultur

„Sie sind nicht ganz sicher, aber Sie haben das Gefühl, vor vier oder fünf Stunden etwas getan zu haben, was Sie nicht hätten tun sollen.“

Viviane Èlisabeth Fauville, Anfang vierzig, ein zwölf Wochen altes Kind im Arm, sitzt in ihrer kleinen Mietwohnung in Paris. Noch vor Kurzem hatte sie alles: den schönen Mann, die große Wohnung, den gut dotierten Job als Pressefrau in einer großen Firma. Geblieben ist ihr, neben ihrem Schaukelstuhl, jede Menge unangetasteter Umzugskisten, das Kind und ihr Psychiater – doch halt, den hat sie ja soeben in einer absurd schief gelaufenen Sitzung erstochen, ungeplant, jedoch erschreckend präzise. Während Vivianes Gedanken um den Mord kreisen, ist ihr klar, dass jederzeit die Polizei vor der Tür stehen kann.

Und so läuft sie los, durch verwinkelte Pariser Straßen, durch sich windende Metro-Gänge, sie beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, trifft sich mit der Ehefrau des Opfers, mit seiner Geliebten, schlägt Haken im Polizeiverhör und verhaspelt sich doch. „Wenn Sie mir nicht glauben, können Sie meine Mutter fragen“, fährt sie den Kommissar an. Doch ihre Mutter ist schon seit vielen Jahren tot …

An diesem Punkt in Julia Decks kurzem Roman beginnt der Plot für den Leser zu kippen. Auf einmal findet man sich in ein Vexierspiel versetzt, nichts ist mehr sicher. War Viviane an jenem Abend wirklich bei ihrem Psychiater? Oder sind ihre wirren Behauptungen und obsessiven Treffen mit Ex-Geliebten des Opfers vielmehr Ausdruck einer zutiefst getroffenen Frau, der mit dem Auseinanderbrechen ihres Alltags der Boden unter den Füßen weggezogen wurde? Die sich mehr und mehr von sich selbst entfremdet: „Da hat man dieses Kind auf dem Arm, von dem man sich fragt, wie es dort hingekommen ist.“

Geschickt spielt Julia Deck in ihrem Debut mit den Perspektiven, mal begleitet sie ihre Anti-Heldin in sezierender Außensicht, mal schildert sie ihre innere Zerrissenheit in einem inneren Monolog, der allerdings im von sich selbst distanzierten „Wir“ abgefasst ist. Vordergründig ein Kriminalroman, entwickelt Deck in präzisen, kurzen Sätzen und in kühl-lakonischem Ton das Psychogramm einer Frau, deren Leben unerwartet in Schieflage geraten ist – und der die Wirklichkeit zusehends entgleitet. Wer auf der Suche nach einem etwas anderen Mordfall mit vielen unerwarteten Wendungen ist, wird mit diesem Buch seine Freude haben!

Julia Deck
Viviane Elisabeth Fauville
Wagenbach, 17,40 €

Foto (c) Cover: Wagenbach, Porträt: H. Bamberger

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