Kultur

Verhulst_Monolog

Buchtipp: Monolog einer Frau, die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden

29. August 2013 • Kultur

Clever ist sie, wunderschön, ihre Auffassungsgabe ist blitzschnell und präzise. Doch all das nutzt ihr, so ist sich die junge Senegalesin Seynabou im Klaren, reichlich wenig. Sie schlägt sich die Nächte in Diskotheken, Clubs und Bars um die Ohren, wo sie europäische Touristen einen Abend, meistens eher eine Nacht lang begleitet. Die Bezeichnung „Hure“ hört sie nicht gern, „Gazelle“ nennt sie sich – einen Rest Stolz hat sie sich erhalten.

Alles würde auch an diesem einen, schicksalsträchtigen Abend seinen Gang gehen, wenn – ja, wenn nicht am Tresen dieser „junge Halbgott des Radsports, der Liebling der Götter aus dem zerrissenen Land, wo Radsport gleich Religion ist“ lehnen würde. Seynabou trifft auf Jens de Gendt, ein Idol in seiner Heimat Belgien; schon nach kurzer Zeit ist klar, dass sie die Nacht gemeinsam verbringen werden. Am nächsten Morgen aber liegt Jens tot im Bett, Seynabou flieht, wird aber schnell von der Polizei aufgegriffen. Und plötzlich wird sie ins Rampenlicht gezerrt, des Mordes verdächtigt.

Doch wer glaubt ihr? Wem kann sie erklären, wie unschuldig diese Nacht wirklich abgelaufen ist? Dass es für den verirrten, depressiven, getriebenen de Gendt und sie, das toughe Mädchen aus dem Senegal für ein paar Stunden tatsächlich so etwas wie Liebe war?

Der flämische Autor Dimitri Verhulst, der schon mit Romanen wie „Die Beschissenheit der Dinge“ auf sich aufmerksam gemacht hat, hat in seinem sprachlich und atmosphärisch dichten, nur 94 Seiten umfassenden Buch die realen Geschehnisse rund um den belgischen Radrenn-Star Frank Vandenbrouke, der 2009 tot in einem Hotel im Senegal aufgefunden wurde, fiktionalisiert. Er verleiht der Prostituierten Seynabou eine Stimme – und sie nutzt sie, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Sie hebt an zu einem rastlosen Monolog, der ihre Verunsicherung und Sehnsucht nach einem Ausweg sowie die Sorgen eines ganzen Landes differenziert vermittelt.

Ihre entwaffnende Ehrlichkeit, ihr trotziger Stolz und zornige Energie machen Seynabou zu einer Erzählerin, der man gebannt zuhört. Und der man von ganzem Herzen wünscht, dass sie ihren Vorsatz wahr macht, wenn sie sagt: „Zu erwarten habe ich wenig, und mit allen Wassern bin ich auch nicht gerade gewaschen. Aber ich stehe wieder auf. Das habe ich beschlossen. Ich will noch weiter. Ich bin noch nicht leer. Leben: Ich muss es probieren.“

Dimitri Verhulst
Monolog einer Frau, die in die Gewohnheit verfiel, mit sich selbst zu reden
covadonga, 10,10 €

Fotos (c) Cover: covadonga, Porträt: Nathalie de Clercq

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