Kultur

Karte und Gebiet

Buchtipp: Michel Houellebecq – Karte und Gebiet

15. Juni 2013 • Kultur

Komisch ist vermutlich das letzte Adjektiv, das man mit Michel Houellebecq assoziieren würde. Kulturpessimist, Misanthrop, Autist sind eher Beschreibungen, die man in transkontinentalen Feuilletons findet, wenn es um den französischen Autor geht. Dennoch hat er mit „Karte und Gebiet“ einen Künstlerroman geschaffen, der vieles zugleich ist: Klug und ernst, parodistisch und komisch, Künstler- und Landschaftsportrait, Vater-Sohn-Geschichte und Zukunftsvision.

Houellebecq? Houellebecq ist längst seine eigene Marke geworden. Bekannt wurde er mit seinem Parka, den vier Zigarettenschachteln am Tag, den uralten Dinosaurieraugen. Der Autor, der „einer alten kranken Schildkröte ähnelt“. Der in seinen Geschichten immer auch Stellung bezieht zur Lage der Welt, vor allem zum Leben und Lieben in der westlichen Welt – und diese Welt schneidet nie gut ab. Der ein Leben im Westen, in unserer Gesellschaft deswegen auch für menschenunwürdig hält. Dessen wütende, rigorose Bücher die Hälfte der französischen Literaturkritiker, zahlreiche Frauen gegen sich aufbrachte, der sowohl vom linken als auch vom rechten Lager als Kulturpessimist angeprangert wird.

Genau dieser Houellebecq hat nun ein neues Buch geschrieben. „Karte und Gebiet“ heißt es und ist leichtfüßig und klug, so anders als sein restliches Oeuvre. „Karte und Gebiet“ ist Houellebecqs bisher bestes Buch. Warum? Weil es zugänglicher ist als seine sonstigen furorspeienden Werke. Die Sprache ist wieder leicht wie ein französisches Soufflé. Es ist ein tiefgründiges und aufrichtiges Buch geworden. Vorbei sind die detailreichen Beschreibung von Gruppensexorgien. Es gibt auch keine Angriffe mehr auf den Islam, keine Besuche im Swingerclubs, keine vereinsamten Individuuen die sich mit minderjährigen Prostituierten durch den Fernen Osten kopulieren. Er hat den Ballast der Provokation abgeworfen und ist zur Meisterschaft von «Ausweitung der Kampfzone», seines 1994 erschienenen Debutromans, zurückgekehrt: Zur klaren, reduzierten Form des Anfangs. Es ist ein Text, der nicht mehr vordergründig wütend, sondern abgeklärter, ruhiger, präziser und genau deshalb stärker als seine Vorgänger ist.

Selbstbildnis eines Künstlers

Oberflächlich betrachtet ist „Karte und Gebiet“ eine schonungslose Abrechnung mit dem außer Kontrolle geratenen Kunstmarkt. Hauptfigur in Houellebecqs Roman ist Jed Martin, ein fiktiver Künster, der scheinbar leicht autistisch seinem eigenen Erfolg beiwohnt, seinem sich daraus scheinbar zwingend ergebenden Sozialleben in Paris Kulturszene teilnahmslos zusieht. Aus diesen lakonischen Beobachtungen ergibt sich ganz nebenbei ein bitterböses Portrait des französischen Kultur- und Literaturbetriebs, jeder bekommt sein Fett ab, niemand bleibt verschont: Sei es nun der koksende Neo-Satre Frédéric Beigbeder, Patrick Kéchichian, der Kritiker von „Le Monde“, Houellebecqs Verlegerin Teresa Cremisi oder Julien Lepers und Jean-Pierre Pernaut, Frankreichs Fernsehprominenz. Und zwischen all diesen Karikaturen ihrer selbst steht Martins gleichsam am Rande, dieser Protagonist, der zwischen Lieben-Wollen und Nicht-Lieben-Können, Dazu-Gehören und Nicht-Dazu-Gehören-Wollen sein Dasein fristet. Das alles erinnert stark an einen typischen Houellebecq Roman.

Doch eigentlich geht es in „Karte und Gebiet“ um den Autor selbst: Um Houellebecq. Houllebecqe ist nicht nur sein künstlerisches Alter Ego Jed Martin, er tritt sogar selbst als Schriftsteller Michel Houllebecq in dem Roman auf. Nur dreimal begegnen sich diese beiden verlorenen Protagonisten auf vierhundert Seiten. Man kann vielleicht von einer schüchternen, verhaltenen Freundschaft sprechen. Im Landsitz des Autors in der französischen Provinz, Wein trinkend und dem langsam abbrennenden Kaminfeuer zusehend, drehen sich ihre Gespräche um die Existenzberechtigung von Kunst in einer postindusrialisierte Gesellschaft und kreisen um die großen Fragen von Kunst und Literatur. Sie erörtern Produktionsweisen und Fragen nach der Möglichkeit und dem Standpunkt eines Kunstproduzenten im 21. Jahrhundert.

Was beginnt wie ein spitzzüngiger Gesellschaftsroman, der bösartig mit den Akteuren der Kunst- und Kulturszene abrechnet, weitet sich nach und nach zu einem scharfsinnigen Essay über die Bedinungen eines Kunstmarkts in Zeiten des Turbokapitalismus aus. Wer „Karte und Gebiet“ auf eine bloße Gesellschaftsfarce reduzieren möchte, tut diesem großen Buch Unrecht. „Karte und Gebiet“ ist eine Sozialstudie, eine Abrechnung mit dem Kapitalismus und einem außer Kontrolle geratenen Kunstmarkt, eine Anklage gegen Schweizer Sterbetourismus und skandinavischer Thriller. Ebenso ist es aber auch eine todtraurige Vater-Sohn-Geschichte, die Parabel von zwei Außenseitern und schlussendlich das Zu-Ende-Denken von Barthes „Tod des Autors.“


Michel Houellebecq
Karte und Gebiet
DuMont Verlag

Köln 2011
416 S., geb
EUR 22,99

Laura Windhager

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