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Buchtipp: Knapp am Herz vorbei

16. Mai 2013 • Kultur

40 Jahre lang Banken ausrauben: Dabei kommt einiges zusammen, nämlich an die 2 Millionen geraubte Dollar, viele Jahre hinter Gittern und einige spektakuläre Ausbruchs-Maneuver aus Hochsicherheits-Gefängnissen. In „Knapp am Herz vorbei“ erzählt J.R. Moehringer nun die unglaubliche Lebensgeschichte des notorischen Gangsters und gefeierten Volkshelden Willie „The Actor“ Sutton nach.

Als Ausgangspunkt dient Moehringer, der bereits mit „Tender Bar“ unter Beweis gestellt hat, was für ein pointierter und wunderbarer Erzähler er ist, die überraschende Freilassung Suttons am Weihnachtsabend im Jahr 1969. Nach 17 Jahren in Haft betritt der berühmteste Bankräuber der letzten vier Jahrzehnte wieder freien Boden. Der Deal: Einen Tag lang steht er einem jungen Reporter Rede und Antwort – exklusiv. Gemeinsam mit den beiden fährt der Leser einen Tag lang durch das pulsierende New York und besucht die wichtigsten Schauplätze in Willie Suttons Leben.

Dass Sutton und sein Interviewer ganz unterschiedliche Ziele verfolgen, schafft einen Spannungsbogen, der bis zur überraschenden Schlusspointe hält: Der junge Journalist nämlich soll herausfinden, wer hinter dem Mord an Arnie Schuster steckt – dem Jungen, der Sutton vor vielen Jahren in der U-Bahn erkannte und der Polizei auslieferte. Sutton hingegen ist auf der Suche nach jemand ganz anderem, und wie sollte es anders sein: nach einer Frau, seiner großen Liebe.

Beginnen so nicht die größten Geschichten – mit der Liebe zu einer unerreichbaren Person? So komponiert es zumindest Moehringer: Der Teenager Willie, Sohn irischer Einwanderer, aufgewachsen im Slum von Brooklyn, trifft die selbstbewusste Bess aus gutem Hause – und verliebt sich unsterblich. Doch Bess ist nicht für ihn bestimmt, ihre Familie lehnt den unstandesgemäßen Freund ab. In bester Romeo und Julia-Manier brennen die beiden gemeinsam mit einem Freund von Willie durch; jedoch nicht, ohne zuerst den Tresor von Bess‘ Vater auszurauben. Damit ist Willies Schicksal besiegelt. Die Liebe zu Bess und die Faszination für elegant geplante Raubzüge prägen von nun an sein Leben.

So wird aus dem unscheinbaren, schwächlichen Jungen einer der bekanntesten und meistgesuchten Verbrecher des 20. Jahrhunderts. Was ihn zum gefeierten Helden der Öffentlichkeit macht: Seine Überfälle plant er mit Akribie und Einfallsreichtum, in immer neuen und besseren Verkleidungen schmuggelt er sich in die renommiertesten Banken. Das wichtigste dabei: Kein einziges Mal kommt ein Mensch zu Schaden, Willie selbst lehnte Gewalt Zeit seines Lebens ab. Dass er sogar aus Hochsicherheits-Gefängnissen ein ums andere Mal entfliehen kann, trägt auch nicht wenig zur Legendenbildung bei.

Mit leichter Hand, viel Witz und der richtigen Portion Melancholie spürt J.R. Moehringer dem Phännomen Willie Sutton nach und dokumentiert damit ganz nebenbei die sich verändernde US-amerikanische Gesellschaft. Und so kitschig der deutsche Titel „Knapp am Herz vorbei“ (im Englischen heißt der Roman einfach und schnörkellos „Sutton“) anmuten mag: Am Ende geht es genau darum. Warum? Das hier zu verraten, hieße, Moehringers schönsten Kunstgriff zu verraten. Und das würde kein ehrenwerter Bankräuber tun.

J.R. Moehringer
Knapp am Herz vorbei
S. Fischer Verlag, 19,60 €

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