Kultur

Cover Ein Mann will nach oben

Buchtipp: Jens – Ein Mann will nach unten

27. Juni 2013 • Kultur

Stellt euch vor, Werner Faymann zieht bei euch ein ……

„Eines Tages im Januar, an dem nichts passieren wird – damit hat sich der Dozent Fvonk schon vor ein paar Stunden abgefunden, seine Tochter wird zum Beispiel doch nicht zum Abendessen kommen, sagte sie am Telefon, sie müsse lernen, für eine Prüfung, hieß es -, wird doch etwas passieren.“

Bisher kam der Norweger Fvonk eigentlich ganz gut zurecht. Der Vermieter von Einliegerwohnungen lebt zurückgezogen in seiner eigenen Welt. Er ist, wie er es selbst nennt, mit „Unkultur in Berührung“ gekommen – namentlich einem Skandal beim Geher- und Fitnessverband, bei dem er lange Zeit tätig war. Seither fühlt er sich schuldig – und absurderweise von allen Schwangeren dieser Welt verfolgt, die Fvonk als moralisch überlegen, ja unantastbar empfindet. Auch seine Tochter ist ihm keine Hilfe. Nach einigen gescheiterten Vorhaben ist sie sich sicher: Ihr wahres Talent liegt darin, mit Hunden zu kommunizieren.

Mitten in diese schräge Idylle platzt eine „Hosenanzugfrau“ und bietet Fvonk viel Geld, wenn er dafür seine Mietwohnungen zur Verfügung stellt. Nach anfänglichem Zaudern willigt Fvonk ein. Nach wenigen Tagen beobachtet er seltsame Dinge, auch die Geräusche aus der Wohnung unter ihm kommen Fvonk verdächtig vor. Bis eines Abends plötzlich der Untermieter vor seiner Tür und schüchtern um eine Tasse Tee bittet.

„Sind Sie …, sagt Fvonk, sind Sie schlicht und einfach … ich denke, Sie sind kurz und gut … oder um es so zu sagen, sind Sie derjenige, für den ich Sie halte? Der Mann nickt. Ja, sagt er, ich fürchte ja.“

Niemand geringerer als Jens Stoltenberg ist bei Fvonk eingezogen. Der norwegische Regierungschef steht kurz vor dem Burn-Out, eine Krankschreibung, seufzt der gebeutelte Politiker, käme natürlich nicht in Frage. Und so sucht Jens Zerstreuung in der Abgeschiedenheit von Fvonks Einliegerwohnung. Zwischen den beiden so unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine zarte Freundschaft – mit allem, was man in Norwegen so macht: lange Skiwanderungen, Butterfahrten nach Schweden, mit Bauklötzen spielen, Alkohol trinken. Jens lebt tatsächlich wieder auf, doch langsam, aber schleichend scheint das auf Kosten von Fvonk zu gehen …

Erlend Loe gehört in Norwegen zu den bekanntesten Gegenwartsautoren. Mit Büchern wie „Doppler“ oder „Naiv. Super.“ hat sich der Meister des tragikomischen Humors weit über die Grenzen seines Heimatlands hinaus eine Fangemeinde erschrieben. Seine Hauptfiguren sind meist Gestrauchelte, Menschen, die nicht mehr ganz auf Spur laufen. So auch in „Jens – Ein Mann will nach unten“. Unter all der Komik seiner Erzählung schimmert große Verzweiflung durch; so ahnt man zwischen den Zeilen immer wieder das unbeschreibliche Trauma, in das ganz Norwegen nach der Bluttat Breiviks im Jahr 2011 fiel. In Normalo Fvonk und Politiker Jens spiegeln sich die Absurditäten, Wirrnisse und das Unverständliche unserer Zeit – und als Leser bleibt man am Ende des Romans mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück.

Erlend Loe
Jens – Ein Mann will nach unten
Kiepenheuer & Witsch, 9,30 €

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