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Jüdisches Wien © Metroverlag

Buchtipp: Jüdisches Wien – Entdeckungsreisen

1. Juni 2013 • Kultur1 Kommentar zu Buchtipp: Jüdisches Wien – Entdeckungsreisen

Eine abwechslungsreiche Entdeckungsreise durch die jüdische Geschichte der Stadt, Portraits von stadtbekannten Persönlichkeiten, Orten und dem zeitgenössischen jüdischen Leben Wiens. Christof Habres spannt in seinem Buch den Bogen von den historischen Entwicklungen des jüdischen Wiens, der prosperierenden jüdischen Gemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts und stellt uns zahlreiche bekannte jüdische Persönlichkeiten, Orte und Institutionen der Gegenwart vor. Das Buch hebt sich auch dadurch von anderen Werken zum Thema hervor, dass er die Bedeutung und Vielfalt des kulturellen jüdischen Lebens in Wien heute aufarbeitet. 


Wien, die Stadt der Juden

Der Autor nimmt uns mit auf eine Zeitreise. Er beginnt seine Entdeckungsreise mit der Geschichte der Juden in Wien und erzählt vom ersten dokumentierten Juden Wiens im Jahr 1194, Schlomo, der im Auftrag des Herzogs Leopold V. für die Produktion der Silbermünzen verantwortlich war. Man erfährt hier auch viel über Wien als Stadt der Juden und die Besiedelung der sogenannten „Wiener Judenstadt“ rund um den Judenplatz, bis hin zur ersten Wiener Geserah (hebräisch: Verfolgung) – der Vertreibung und Ermordung im 15. Jahrhundert. Der Leser wird in die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen und die Geschichte jüdische Gemeinschaft in Wien eingeführt.


Die prosperierende jüdische Gemeinschaft um die Jahrhundertwende

Darüber hinaus wird auch über die Zeit um die Jahrhundertwende gegen Ende der Donaumonarchie erzählt, in der das Jüdische Bürgertum eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben Wiens einnahm. Der Name Rothschild hat sich bis heute im kollektiven Gedächtnis, als die jüdische Bankiersfamilie, eingeschrieben, so wie Albert Rothschild als Finanzberater des Kaisers bekannt ist. Oder beispielsweise die Familie Kuffner, die damals die Ottakringer Brauerrei betrieb, im 16. Bezirk residierte und die Kuffner-Sternwarte baute. Die populärsten Mitglieder des jüdischen Wiener Großbürgertums waren Familie Herzmansky und Gerngroß, welche ab 1098 die ersten großen Wiener Einkaufshäuser errichteten. Im Zeitraum von 1860 bis 1900 stieg die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde von 6200 auf 147 000, dieser Zuwachs war natürlich auch mit einem starken soziokulturellen Wandel verknüpft, dass heißt der Großteil der jüdischen Bevölkerung gehörte in dieser Zeit der Unter- und Mittelschicht an: es waren also Großteils Handwerker, Arbeiter, Kleinunternehmer und Händler, die in die Donaumetropole strömten. In jener Zeit wurde der zweite Bezirk zum jüdischen Zentrum der Stadt.


Verfolgung, Schoah und Wiederaufbau

Die Aufarbeitung der Geschichte des jüdischen Wiens mündet natürlich mit Skizzierung der Zunahme der antisemitistischen Strömungen und der Autor widmet sich in einem Beitrag der Schoah, so wie dem Verweis auf Hugo Bettauer und seinem Roman „Die Stadt ohne Juden“ und die Phase des Wiederaufbaus. In „Versteinerte Wunden Wiens“ wird dem Gedenken und der Erinnerung ein Kapitel gewidmet, denn heute erinnern in Wien vor allem die versteinerten Zeitzeugen wie Mahnmale, Monumente, Gedenktafeln, Gedenkstätten und Einrichtungen an die bewegte Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Wien. Der Leser unternimmt gemeinsam mit dem Autor eine historische Stadtführung entlang der Gedenkstätten und Synagogen Wiens und erfährt hier auch mehr über die Steine der Erinnerung, einem Projekt zum Gedenken der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Die Steine der Erinnerung sind goldene Plaketten mit den Namen der ehemaligen jüdischen BewohnerInnen, die aus ihren Häusern vertrieben und ermordet wurden. Man findet sie vielerorts in Wien auf den Gehsteigen vor zahlreichen Wohnhäusern, mehr dazu könnt ihr hier nachlesen.


Das jüdische Wien heute

Christopf Habres verweilt aber mit seinem Buch Jüdisches Wien nicht nur in der Vergangenheit, wie es zahlreiche andere Autoren tun, sondern er führt uns in das aktive und bunte Leben der heutigen Jüdischen Gemeinschaft ein. So erfahren wir Einiges über kulturelle Einrichtungen, stadtbekannte jüdische Persönlichkeiten und Lokale. In vielen kurzweiligen Beiträgen werden hier die verschiedenen Aspekte des jüdischen Lebens in Wien heute thematisiert. So bekommt man einen Einblick in die Israelische Kultusgemeinde, Institutionen wie Schulen, dem jüdischen Museum oder dem Sortklub „Hakoah“ – dem eine zentrale Bedeutung im kulturellen Leben zukommt. Auch das Thema Restitution wird aufgegriffen. Natürlich haben jüdische Intellektuelle immer einen starken Einfluss auf die Stadt gehabt und der hohe Stellenwert der Wissenschaft und Forschung für das Judentum wird auch in diesem Buch Rechnung getragen. So werden herausragende Persönlichkeiten wie Siegmund Freud oder der Meteorologen Max Margules kurz portraitiert.

Wissenschaft, Kunst und Kultur

Nicht zu vergessen jene Persönlichkeiten, die das kulturelle Leben in Wien um die Jahrhundertwende geprägt haben wie, die Künstler Max Reinhard, Karl Kraus, Gustav und Alma Mahler oder Stefan Zweig. Kaberettisten wie Fritz Grünbaum, Karl Farkas oder Gerhard Bronner, die Stars des Kabarett „Simpl“. Es werden jüdische Kulturschaffende, die heute das kulturelle Wien prägen, wie Robert Menasse, Julya Rabinowich, Franz West oder Timna Brauer vorgestellt.  Es wird auch der Bedeutung der Wiener Salonkultur an dieser Stelle Rechnung getragen, wie jener von Eugenie Schwarzwald, die in ihrem Salon Persönlichkeiten wie Oskar Kokoschka, Adolf Loos und Gustav Klimt zusammen gebracht hat.

Abgerundet wird die Entdeckungsreise durch das jüdische Wien mit der Vorstellung von jungen jüdischen WienerInnen und ihren vielfältigen Projekten. So wird der Salon Vienna – ein jüdischer Kulturverein – portraitiert, sowie die wieder erwachende Bedeutung der jüdischen Gastronomie, wie das Neni am Naschmarkt und im 2. Bezirk oder der Tel Aviv Beach.

Der Autor beendet seinen Streifzug durch die bewegte jüdische Geschichte und Gegenwart mit einem Spaziergang durch das jüdische Wien.


Fazit

Das Buch ist eine gelungene Mischung aus der historischen Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Wiens und ihren prominenten VertreterInnen und nimmt den Leser schließlich auch auf die spannende Entdeckungsreise durch das jüdische Wien heute mit.

Jüdisches Wien
Christof Habres
Metroverlag

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  1. Martin Auer sagt:

    Zu diesem Thema vielleicht interessant: http://juedisches-wien.dort.pw.
    „dort! Jüdisches Wien“ ist ein kostenloser audiovisueller Guide für Smartphone, Tablet und PC zu Orten jüdischen Lebens in Wien.

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