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Buchtipp: Imperium

25. Juli 2013 • Kultur

„Ab auf die Insel!“ Wir schreiben das Jahr 1902, und ein junger Mann namens August Engelhardt macht sich auf in das größte Abenteuer seines Lebens. Er ist auf dem Weg in die Südsee in die Kolonie Deutsch-Neuguinea. Das leicht absurde Ziel des von missionarischem Eifer erfüllten Vegetariers ist es, sich nur von Kokosnüssen zu ernähren. Erst einmal läuft alles nach Plan. Von einer Großgrundbesitzerin erwirbt er die wertlose Insel Kabakon und richtet sich dort häuslich ein. Engelhardt freundet sich mit dem jungen Makeli an, streift selbstvergessen über sein Eiland und sieht einer goldenen Zukunft entgegen. Doch schon bald wird das idyllische Inseldasein durch Neuankömmlinge getrübt und die strenge Kokosnussdiät hinterlässt erste Spuren an Körper und Geist des Aussiedlers …

Was wie eine wild erdachte Story klingt, ist so (oder so ähnlich) auch passiert. Der selbsternannte Ritter der Kokosnuss August Engelhardt, ein junger Nürnberger, der in die Südsee auswanderte, dort den „Sonnenorden“ gründete und der die Welt durch Nacktheit und strenge Kokosnuss-Diät retten wollte, existierte wirklich. Diesen historischen Engelhardt nimmt sich Christian Kracht zum Vorbild – und spiegelt in dem eigenwilligen und sonderlichen Aussteiger die Getriebenheit, Fortschrittsgläubigkeit und romantisch-verklärten Ideale, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts allgemein das Denken beherrschten.

Dabei bedient sich Kracht wohlbedacht bei Techniken des historischen Abenteuerromans in der Tradition von Jack London oder Robert Louis Stevenson und würzt dies mit einer feinen Prise Humor und einer guten Portion Ironie. Doch steckt in dem Buch mehr als nur die Parodie auf das Genre des Abenteuerromans – so kann man den Roman durchaus auch als Satire auf das Wilhelminische Reich mit all seinen Weltmachtsphantasien lesen. Und so wie Engelhardt nach und nach den Verstand verliert, so taumelt parallel dazu Deutschland langsam, aber sicher dem Irrsinn des Nationalsozialismus entgegen.

Doch wie endete das Leben von August Engelhardt? In Hollywood natürlich – die Traumfabrik bemächtigte sich schließlich der unglaublichen Lebensgeschichte des Mannes, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Amerikanern in die Arme stolperte. „You, sir, will be in the pictures“, prophezeit einer der Soldaten. Jahre nach Engelhardts Tod hat der Film über ihn schließlich rauschende Premiere und wird final zu dem, was sein Leben war: ein flirrender, phantastischer Bilderbogen. Aber jetzt erst einmal ein großartiger, randvoller Roman und ungeheurer Lesespaß.

Christian Kracht
Imperium
FISCHER Taschenbuch, 10,30 €

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