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Buchtipp: Ich gegen Osborne

14. Juni 2013 • Kultur

„Offenbar war es für mich das Beste, asexuell zu werden.“

James Weinbach ist anders. Seine Kleidung: ein Anzug seines gerade verstorbenen Vaters. Werte: konservativ, höflich, fast ein bisschen prüde. Erklärtes Karriereziel: Schriftsteller werden. Seine schulischen Leistungen: ausgezeichnet. Sexualkontakte: gegen Null.

Nun zählen all diese Eigenschaften nicht zu den großen Reißern auf der Beliebtheitsskala in der recht undurchlässigen Hackordnung der Osborne Highschool – und James ist daher nicht mehr als ein Kuriosum in der Masse seiner Ansicht nach nur an Paarung interessierten AltersgenossInnen. Dass ihn seine Mitschüler für einen Freak halten, ist ihm sehr wohl bewusst – dem setzt er Spott, Ironie, teilweise sogar Galgenhumor entgegen.

Sein Lichtblick im Schuldunkel ist sein Schwarm Chloe, und auf nichts freut er sich so sehr wie auf ein Wiedersehen mit ihr nach den Osterferien. Doch am ersten Schultag erwartet James eine böse Überraschung: Chloe hat das Spring Break in vollen Zügen genossen, und kehrt als Freundin eines der begehrtesten Jungs der Schule zurück. Ihr nüchternes Fazit: „In unserem Alter gibt es nichts Schlimmeres, als dass die Leute einen für ein braves Mädchen halten.“ James ist entsetzt – seine Verehrte, eine zügellose Nymphomanin?

Die eigentliche Katastrophe steht aber erst noch bevor. Im Kurs Kreatives Schreiben wird sein Romanentwurf „Neurotica“ von allen verrissen – gepaart mit der Hiobsbotschaft zu Chloes neuem Beziehungsstatus ist das zu viel für James. Im Frust greift er zur Wodkaflasche im Spind und wird prompt ertappt. Das folgende Gespräch mit dem Direktor läuft mehr und mehr aus dem Ruder, und als der Schulleiter zum Telefon greift, um James’ Mutter anzurufen, brennen bei James die Sicherungen durch. „Ich weiß das mit Deborah Armstrong!“, platzt er heraus – und erpresst den Direktor mit seiner vergangenen Affäre mit einer Schülerin. James’ Forderung: Die Absage des leidigen Schulballs, auf den alle hinfiebern, der für ihn aber nur der Gipfel von allem ist, was er verachtet …

Seit seinem Erstling „Freaks“ gilt Joey Goebel als großes literarisches Talent, mit „Vincent“, einer dunklen Parabel über einen hochbegabten Jungen feierte er seinen endgültigen Durchbruch. In „Ich gegen Osborne“ bildet Goebel die Highschool als gesellschaftlichen Mikrokosmos ab. Geradezu minutiös lässt er James einen Schultag erleben, in dem Gewinn und Verlust, Komik und Tragik eng beieinander liegen. Dabei ist sein junger Protagonist wahrlich nicht immer sympathisch, aber dadurch umso authentischer – ein leicht aus der Welt Gefallener, der viel mehr Trauer mit sich herumträgt, als er zugeben will.

Joey Goebel
Ich gegen Osborne
Diogenes, € 23,60

Foto: Cover (c) Diogenes Verlag, Portrait (c) Regine Mosimann / Diogenes Verlag

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