Kultur

Hier könnte ich zur Welt kommen

Buchtipp: Hier könnte ich zur Welt kommen

8. August 2013 • Kultur

Y – Dieser vollkommene Buchstabe. Wunschknochen, Weggabelung, leeres Martiniglas. Y – auf Englisch ist es ein Wort, why. Die Frage, die wir wieder und wieder stellen. Warum? (…) Mein Leben beginnt am Y. Ich werde geboren und vor der Glastür des YMCA abgelegt, und auch, wenn das Schild auf „Geschlossen“ gedreht ist, sieht ein Mann, der auf dem Parkplatz wartet, alles.

Wo komme ich eigentlich her? Warum sehe ich aus, wie ich aussehe? Und warum fühle ich mich so, wie ich mich fühle? Fragen, die sich so oder so ähnlich wohl jeder einmal stellt – doch für Shannon haben sie tatsächlich existenzielle Bedeutung. Die junge Frau wurde als Baby ausgesetzt, war ein winziges Bündel auf einem Treppenvorsprung. Nun grübelt sie: Was hat die eigene Mutter dazu getrieben, sie fort zu geben? Und vor allem: Selbst wenn sie es weiß – kann sie ihr vergeben?

Erzählt wird die Geschichte um Jo, Yula und Shannon – drei Frauen mit stählernem Rückgrat, drei Generationen, drei Starrköpfe – aus Shannons Sicht. In sezierenden Rückblicken lässt sie ihre bisherigen sechzehn Lebensjahre Revue passieren: Von der Zeit bei verschiedensten Pflegeeltern, dem Gefühl der Einsamkeit, des Nicht-Dazugehörens. Dem Ankommen bei der warmherzigen Miranda und ihrer Tochter Lydia-Rose, die so sehr ihre Familie sein wollen, denen sich Shannon aber lange Zeit nicht öffnen kann. Zu sehr nagt der Zweifel an ihr. Sind meine Eltern noch irgendwo dort draußen? Woher habe ich diese störrischen Locken, woher meine Unruhe, meine Sehnsucht? Wohin gehöre ich wirklich?

Schließlich hält sie es nicht mehr aus und macht sich auf die Suche. Unerwartete Hilfe bekommt sie dabei von Vaughn – dem Mann, der an dem grauen Morgen, an dem sie ausgesetzt wurde, Zeuge war und das, was er sah, nie vergessen konnte. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, und gemeinsam stellen sie sich Shannons Vergangenheit, wohl ahnend, dass ihr Weg sie einem schmerzhaften Ziel entgegenbringen könnte …

Für ihre misstrauische, skeptische und eigenwillige Heldin Shannon findet Marjorie Celona einen rauen, berührend authentischen Erzählton, der stets zwischen Trauer, Hoffnung und Sehnsucht schwankt. In Shannons spiegelt sich auch das Schicksal ihrer Mutter und Großmutter wieder, die ihr in ihrer Zerrissenheit, aber auch in ihrer Kompromisslosigkeit in nichts nachstehen. Dass sich Celona nicht für ein kitschiges, zuckerguss-klebriges Ende entschieden hat, sondern einen sehr viel realistischeren Ausblick gibt, ist großartig – und der Leser wird dennoch versöhnt entlassen.

Hier könnte ich zur Welt kommen
Marjorie Celona
Insel Verlag (€ 20,6)

Die empfohlenen Bücher kommen direkt aus
der Buchhandlung BUCHKONTOR.

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »