Kultur

Cover Gretchen

Buchtipp: Gretchen

27. September 2013 • Kultur

„Ich zitiere: ‚Wir erklärten die offensichtlich stark alkoholisierte Frau Intendantin über ihre Rechte auf, die daraufhin erwiderte: Wenn Sie nicht bis drei wieder in Ihr Tatütata einsteigen, werde ich Ihnen die Kehle durchbeißen, Ihr Herz rausreißen und es aufessen.’“

Man würde es gern anders formulieren, aber: Gretchen Morgenthau ist ein Ekelpaket. Mit ihren süßen 75 Lenzen (die man ihr natürlich nicht ansieht) und als ehemalige Regisseurin ist die Wienerin und Wahlengländerin der Meinung, dass ihr nichts anderes als ehrerbietiger Respekt gebührt – und zwar von allen Wesen dieses Planeten. Egal ob nervige Nachbarjungs, die gern Kleinganoven wären, redselige Taxifahrer oder auch die beste Freundin – alle sind sie Kretins, und alle bekommen von der selbsternannten Legende ihr Fett weg.

Parallel dazu schwenkt die Geschichte immer wieder auf die kleine Insel Gwynfaer, ein scheinbarer Hort der Glückseligkeit, wo der gerade mal 18jährige Kyell sich mehr schlecht als recht als Tierarzt versucht und erst einmal schluckt, als eine Kundin ihren Kampfkater auf den Tisch stellt und verkündet: „Kastration!“. Ebenso sehr graut es Kyell davor, dass er nun bald die Insel verlassen muss, um in der Fremde Erfahrung zu sammeln, wie es so Brauch ist auf Gwynfaer.

Dass sich die Wege dieser beiden Sonderlinge überhaupt kreuzen, verdanken die beiden einem Gerichtsverfahren, das gegen Gretchen angestrengt wurde wegen Beamtenbeleidigung. Natürlich kommt so ein Gerichtstermin sehr ungelegen – es gäbe noch soviel zu shoppen und über Theater zu diskutieren! So schenkt Fräulein Morgenthau dem Richter nur wenig Beachtung. Diesem geht ihre Überheblichkeit jedoch so richtig auf die Nerven, und so verdonnert der kreative Richter die Angeklagte zu Frondienst auf der Insel Gwynfaer: Mit den Insulanern soll sie innerhalb von vier Wochen ein Theaterstück einstudieren. Also landet Gretchen auf Gwynfaer – eine Belastungsprobe für die Nerven aller Beteiligten …

Bereits 2011 landete der Autor, der sich erfolgreich hinter dem Namen „einzlkind“ verbirgt, mit dem Roman „Harold“ einen Überraschungserfolg. Nun legt er mit „Gretchen“ nach, einer Anti-Heldin, die wirklich nicht sympathisch ist, die man als LeserIn aber trotzdem gern und mit einem amüsierten Lächeln auf ihrer erzwungenen Reise begleitet. Anfangs mag der leicht geschraubte Schreibstil irritieren, jedoch entwickelt dieser nach und nach seinen ganz eigenen und zu den Protagonisten passenden Charme – und streckenweise bekommt „Gretchen“ sogar etwas Schwebendes, Flirrendes. „Sie haben Harold geliebt? Dann werden sie Gretchen hassen.“, kündigt die U4 verheißungsvoll an. Stimmt so nicht: Sie werden Gretchen lieben – gerade wegen ihrer Fehler.

Einzlkind
Gretchen
Editio Tiamat, 18,50 €

Foto (c) Edition Tiamat

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