Kultur

Glückskind

Buchtipp: Glückskind

8. August 2013 • Kultur

„Wieder so ein Scheißtag.“ Hans ist der Welt verloren gegangen. Der Endfünfziger, der beim Blick in den Spiegel einen verwahrlosten Karl Marx zurückblicken sieht, lebt seit Jahren zwischen Mülltüten, mit seiner Hartz-IV-Beraterin liegt er immer im Clinch und seine Nachbarn mustern ihn feindselig, wenn er doch einmal die Wohnung verlässt.

Doch dann passiert etwas an diesem „Scheißtag“, das alles durcheinander wirbelt: Hans findet in den Müllcontainern vor dem Haus ein seltsames Bündel – ein Baby. Was jetzt? Hans beschließt, die Kleine zu „behalten“ und kümmert sich aufopfernd um sie. Und so, wie er sie rettet, rettet sie ihn: Hans wird zum ersten Mal seit Jahren wieder gebraucht.

Dennoch: Ganz Unbemerkt bleibt seine neue Mitbewohnerin nicht. Herr Wenzel, der verschrobene Kiosk-Besitzer von gegenüber, liest in der Zeitung von einer jungen Frau, die ihr Kind ausgesetzt hat und zählt schnell eins und eins zusammen. Aber anstatt die Polizei zu rufen, hilft er Hans; auch das persische Nachbar-Ehepaar, die Tarsis, steht mit einem Korb voller Baby-Utensilien vor der Tür und bietet Hilfe an.

Auf einmal hat der Einzelgänger Hans eine Art Familie. Glücklich macht ihn das; aber auch nachdenklich. Im gleichen Maße, wie er sich der Welt wieder öffnet, genauso drängen die Erinnerungen an sein früheres Leben zurück in seine Gedanken. Die Ex-Frau, die zwei Kinder, die er groß gezogen hat und die nichts mehr von ihm wissen wollen, ein Leben, das durch einen dummen Fehler abrupt endete.
Große Fragen drängen sich auf: Hätte das Leben nicht doch ganz anders verlaufen können? Was hätte man wann anders machen können? Und das Baby, das von der Polizei fieberhaft gesucht wird – hat Hans das Recht, es seiner biologischen Familie vorzuenthalten?

Steven Uhly schenkt in seinem dritten Roman „Glückskind“ seinem Protagonisten eine zweite Chance. Als Leser begleitet man den von der Welt und sich selbst vergessenen Hans auf seiner zögerlichen und wundersamen Reise zurück ins Leben, zurück zu sich selbst. Dass das eher ernste Thema beim Lesen dennoch glücklich macht, liegt an Uhlys Gabe, ungemein sympathische, plastische Charaktere zu erfinden, die in ihrer Zerrissenheit, aber auch Liebenswürdigkeit wohl jeden zu berühren vermögen. „Glückskind“ – ein Leseerlebnis für Herz und Hirn.

Glückskind
Steven Uhly
Secession Verlag (€ 20,6)

Titelbild (c) Secession Verlag
Portrait (c) Michael Herdlein

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