Kultur

Cover Frühling der Barbaren

Buchtipp: Frühling der Barbaren

4. Juli 2013 • Kultur

Neulich eine klassische Novelle gelesen? Nein?! Das sollte schnellstens nachgeholt werden. Der Urlaub ist doch die beste Zeit dafür und es wird einem dabei bestimmt nicht langweilig.

Jonas Lüschers Erstlingswerk macht uns zu Zeugen erstklassigen Erzählens und das aus drei Perspektiven. Die Geschichte greift die globale Finanzkrise und ihre dramatischen Auswirkungen auf. Das Augenmerk ist auf einen tunesischen Oasenresort der Luxusklasse gerichtet, wo junge reiche Engländer aus der Londoner Finanzwelt ausschweifend eine Hochzeit feiern, während England den Staatsbankrott verkündet.

Die zentrale Figur stellt der Schweizer Fabrikerbe Preising dar, wohlhabend und abgesichert, der nur noch dorthin geschickt wird, wo er für die Firma keinen Schaden anrichten kann. Er erzählt die Geschichte in der Ich-Perspektive seinem Zuhörer, der gelegentlich kommentiert. Die Rahmenhandlung sozusagen: das Gespräch unter zwei Insassen einer psychiatrischen Abteilung beim Spazierengehen.

Preisings Bericht rund um seinen Besuch einer tunesischen Zulieferfirma, die mittels Kinderarbeit satte Gewinne schreibt sowie ein Luxusressort in einer Oase unterhält, wirkt passiv und geradezu skurril. Zahlreiche Protagonisten bereichern die Erzählungen, wodurch sich der Leser ein umfassendes Bild von der Festgesellschaft machen kann. Wie letztlich die Gastfreundschaft dort enden muss, wo Kreditkarten gesperrt werden, die Überschuldung ins unermessliche steigt und jeder der arroganten Gäste seinen hoch bezahlten Job verliert, das kann auf den 125 Seiten sehr schnell selbst nachgelesen werden. Nur soviel: Das Ganze gipfelt in einem schier unvorstellbaren Szenario, wo nicht nur ein Kamel zum Opfer wird.

Und schlussendlich gibt es da noch die allwissende Erzählstimme. Sie urteilt und sie ist unzufrieden mit ihrem Preising, der nur beobachtet und nicht handelt. Doch ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Man darf sich über das Geschehene selbst seine Gedanken machen und die Zusammenhänge begreifen.

Das ist kein Buch über die Finanzkrise an sich, hier werden keine Fakten vermittelt, denn es erklärt nichts – erzählt nur!

Jonas Lüscher, Frühling der Barbaren
C.H. Beck Verlag
€ 15,40

Cover (c) C.H. Beck Verlag
Foto (c) Ulrike Arnold

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