Kultur

Cover Fegefeuer

Buchtipp: Fegefeuer

24. Oktober 2013 • Kultur

„Das Bündel lag an derselben Stelle unter den Hofbirken. Aliide ging näher heran und behielt es im Auge, beobachtete aber zugleich, ob sonst noch jemand zu sehen war. Das Bündel war ein Mädchen. Verdreckt, zerlumpt und ungepflegt, aber doch ein Mädchen. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, kein Teichen des Himmels in Richtung Zukunft.“

Als Aliide Truu, eine estnische Bäuerin, eines Morgens das Mädchen Zara auf ihrem Hof findet, ist sie zuallererst eines: misstrauisch. Ein fremdes Mädchen, das sich in die Abgeschiedenheit Estlands verirrt, und dann noch in diesem bemitleidenswerten Zustand? Die alte Frau ringt mit sich: helfen oder nicht? Zuviel, so wird sich herausstellen, hat sie in ihrem Leben schon gesehen, erlebt, erduldet. Und doch entscheidet sie sich – für die Hilfe. Ganz langsam päppelt sie Zara auf, nicht ahnend, dass die junge Frau, die gerade ihren Peinigern Pascha und Lawrenti entkommen ist, ihr viel näher steht, als ihr lieb ist.

Während sich also auf dem Hof die beiden Frauen wie zwei lauernde Tiere umkreisen, setzt sich in Rückblenden, Zeit- und Ortssprüngen eine tragische Familiebgeschichte zusammen. Aliide Truu und ihre Schwester Ingel verlieben sich in den gleichen Mann, den estnischen Bauern Hans. Und wie immer zieht Aliide den kürzeren: Hans heiratet Ingel, bekommt eine Tochter mit ihr – und die ledige Aliide sieht sehnsuchtsvoll bis hasserfüllt zu. Doch das Zeitgeschehen hat Estland im Klammergriff: Erst marschieren die Russen ein, dann die Deutschen, schließlich siegen aber die Russen. Hans, der im Widerstand gekämpft hat, muss verschwinden, die beiden Schwestern verstecken ihn – und zahlen einen hohen Preis dafür: Verhöre, Folter, Vergewaltigung, Traumatisierung.

Bis Aliide beschließt, den Kommunisten Marten zu heiraten, den sie aus tiefstem Herzen verabscheut, der ihr aber Schutz vor Verfolgung bietet – und sie dazu zwingt, ihre Schwester und deren Tochter zu verraten. Aliide greift nicht ein, als sie erfährt, dass die beiden nach Sibirien deportiert werden sollen. Zurück bleibt der in einer Geheimkammer versteckte Hans, um den sich Aliide bis zu dessen Tod heimlich kümmern wird.

Und nun sitzt dieses Mädchen Zara an ihrem Küchentisch, und reißt mit ihren seltsamen Fragen und einem alten Foto alle Wunden wieder auf, beschwört lang Vergessenes und Verdrängtes wieder herauf – und behauptet allen Ernstes, Ingels und Hans‘ Enkelin zu sein …

Sofi Oksanens dritter Roman „Fegefeuer“ (der Originaltitel „Puhdistus“ heißt wörtlich übersetzt „Säuberung“) war in Finnland und anschließend weltweit ein riesiger Erfolg. Die finnisch-estnische Autorin setzt sich darin mit einem wenig bekannten Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander, mit der Rolle und dem Schicksal Estlands von den 1930er bis in die 1990er Jahre. Das kleine Land hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich, bevor es endlich unabhängig wird – wechselnde Besatzungsmächte hinterließen eine zerrissene, traumatisierte Bevölkerung.

Im Zentrum von Oksanens wortgewaltiger, mal schonungsloser, mal höchst poetischer Erzählung stehen widersprüchliche Frauenfiguren. Weder Aliide noch Zara traut man als Leser zu 100 Prozent über den Weg, keine der beiden ist eine wirkliche Identifikationsfigur. Und doch verfolgt man atemlos ihre Geschichte – und Oksanen erspart einem nichts. Dass in großen Kriegen und Auseinandersetzungen der Weltgeschichte fast immer die Körper der Frauen zum Schlachtfeld werden, ist eine traurige Gewissheit. Jedoch wurde dies selten in so zwingende Worte gefasst wie in „Fegefeuer“. Ein atemloser, wahrhaftiger Roman, der lange nachwirkt.

Sofi Oksanen
Fegefeuer
Kiepenheuer & Witsch, 10,30 €

Cover (c) Kiepenheuer & Witsch
Portrait (c) Toni Härkönen

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