Kultur

Cover Elsa Ungeheuer

Buchtipp: Elsa ungeheuer

28. März 2013 • Kultur

„Wie heißt du?“ Elsas Stimme war tief und der Tonfall fordernd. Langsam blickte ich zu ihr hoch. „Ka … Karl.“ Zwei braune Augen verengten sich zu Schlitzen. „Karl … Ich glaube, ich werde dich Fetti nennen. Du bist nämlich ziemlich fett, Fetti.“ Ich protestierte nicht, nein, ich lächelte.

Die Oberpfalz in den 1980er Jahren – kein glamouröser Ort, um aufzuwachsen, und schon gar nicht, wenn man ein achtjähriger, dicklicher Junge namens Karl Brauer ist. Soeben hat sich seine Mutter das Leben genommen; Trost finden Karl und sein zwei Jahre älterer Bruder Lorenz nicht beim in Trauer gehüllten Vater, sondern bei Herrn Murmelstein, dem Dauergast in der Brauerschen Ferienwohnung, der die Kinder gerne mit Geschichten seiner sexuellen Eskapaden zu Bett bringt, und der mürrisch-fürsorglichen Haushälterin Frau Kratzler.

Doch dann tritt Elsa in das Leben der beiden Brüder: Dünn, kratzbürstig, eigenwillig und von einem eigenartigen Zauber ist das Mädchen, das von ihrer Mutter, der ehemaligen Dorfschönheit, im Heimatort zurückgelassen wird. Karl ist sofort fasziniert von dem fremden Mädchen – und wird ihm sein Leben lang treu ergeben sein. Seinen Bruder Lorenz hingegen, verbindet eine schwer zu greifende Hassliebe mit Elsa. Die drei Kinder, von Murmelstein und Kratzlerin wie von fernen Schutzengeln begleitet, verleben eine prägende gemeinsame Zeit, die nach einigen Jahren jäh endet, als Elsa von heute auf morgen das ihr so verhasste Dorf verlässt – mit einem jungen Mann, der eben nicht Karl heißt, und auch nicht Lorenz.

Viele Jahre später ist Lorenz, immer schon der Wagemutige der beiden Brauer-Kinder, mit verrätselten Bildern zum neuen Star des Kunstmarkts aufgestiegen. Karl hingegen findet sich orientierungslos als Teil des überdrehten Gefolges wieder, das den jungen Maler umgibt. Als Einziger jedoch ahnt er, dass Lorenz’ verzweifeltes Malen auf ihrer gemeinsamen Vergangenheit mit Elsa beruht. Als Karl auch noch auf ein dunkles Geheimnis von Lorenz’ vermeintlicher Gönnerin stößt, macht er sich auf die Suche nach Elsa …

Astrid Rosenfeld legt nach „Adams Erbe“ ihren zweiten Roman vor – und verblüfft mit der Gabe, in schnörkellosen, unaufgeregten Sätzen ganze Welten, große Abgründe oder auch unverhofft gefühlvolle Szenen zu erschaffen. Das Brüderpaar Karl und Lorenz schickt Rosenfeld auf einen Parforce-Ritt durch Liebe, Ablehnung, Enttäuschung, Rache und Rausch, lässt aber zu, dass sie am Ende durch alle Irren wieder zueinander finden. Und über und hinter allem das Bild eines kleinen, verletzlichen und rotzfrechen Mädchens, an das der eine sein Herz verliert, und der andere seine Illusionen. Ein Buch wie ein Wirbelsturm: groß, mit Wucht, aber von unglaublicher Schönheit.

Astrid Rosenfeld
Elsa ungeheuer
Diogenes, € 22,60

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