Kultur

Einsamkeit

Buchtipp: Einsamkeit und Sex und Mitleid

21. Juli 2013 • Kultur

Ich habe mich eben gefragt, wie ich mich besser fühlen könnte, als ich mich fühle. Und das Ergebnis war, dass ich mich besser fühlen würde, wenn du nicht hier wärst.

Berlin am Heiligabend. Uwe kann nicht fassen, mit welcher Ruhe seine Julia ihm am Heiligabend mitteilt, dass sie sich von ihm trennen will und wird – und ihn auch noch gleich vor die Tür setzt. Callboy Vincent ist in seiner Wohnung gerade dabei, sich eine Badewanne einzulassen, da überwältigt er eine junge Einbrecherin und freundet sich mit ihr an. Der Lehrer, nein besser: Ex-Lehrer Ekki, ertränkt am gleichen Abend seinen Kummer in der Bar Nachmar. Eine Schülerin hat ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt. Nun sitzt er am Tresen und erzählt der netten Barfrau Anekdoten über das Römische Reich.

Diese drei vignettenartigen Episoden bilden den Auftakt und geben den rasanten Takt vor zu diesem schwarzhumorigem Roman über das Paarungsverhalten verschiedenster Menschen in der Großstadt Berlin, wo man sich ebenso schnell findet wie man sich auch wieder verliert und das Prekariat an allen Ecken und Enden lauert. So erstaunt es auch bald nicht mehr, dass unter Helmut Kraussers sezierendem Blick wohlsituierte Bildungsbürger-Paare junge Türken anpöbeln, dass sich Stadtstreicher für den Propheten Jesaja halten und Callboys auf der rastlosen Suche nach einer wie auch immer gearteten Aura sind.

So unterschiedlich und voneinander abgekoppelt die einzelnen Geschichten zuerst scheinen: Am Ende hat dann auch in einer so großen Stadt wie Berlin wieder jeder mit jedem zu tun, und alle miteinander sind sie auf der Suche nach einem Weg aus der schon im Titel beschworenen Einsamkeit. Nach und nach wird das bunte Panoptikum in Kraussers Roman zu einem Sittengemälde, zur bitterbösen Satire und zum Kommentar zur Lage einer ganzen Nation. Fazit: Ein großes Lesevergnügen für FreundInnen des schrägen Humors mit Tiefgang.

Helmut Krausser
Einsamkeit und Sex und Mitleid
Dumont, 10,30 €

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