Kultur

Cover Weisser Elefant

Buchtipp: Ein weißer Elefant

27. September 2013 • Kultur

„Sie sind schon längst verrückt, mein Lieber. In Ihrem Inneren ist so viel Angst, dass man daraus kiloweise Angstwurst herstellen könnte.“

Da sitzen Sie nun, zwei Männer, in einem kargen Büro ohne Internetzugang. Abgestellt in einer Art Zwischenhölle. Beide werden in dem Großkonzern, bei dem sie angestellt sind, nicht mehr gebraucht, sind überflüssig, haben sich aber den vermeintlich versöhnlichen Angeboten der Firmenleitung widersetzt. Deshalb hat man sie kalt gestellt, versetzt in diesen Raum ohne große Einrichtung, die Männer selbst haben keine Aufgabe mehr – und füllen die sich unbarmherzig ausdehnende Zeit sehr unterschiedlich.

Der jüngere der beiden Männer schweigt beharrlich. Kein Wort kommt über seine Lippen, bis zum Schluss. Der ältere, 51 Jahre alt, ehemaliger Leiter der IT-Abteilung, redet dafür umso mehr. Getrieben von einem manischen Mitteilungsdrang erzählt er in einer endlosen Suada seinem jungen Kollegen sein Leben, seine Ansichten, seine Ängste, Fragen und Nöte. Drei Kinder von drei verschiedenen Frauen (die alle nichts voneinander wissen dürfen), abenteuerliche Geschichten von angeblichen Bekannten, große Gedanken über die Welt, die Menschen, die Gesellschaft – rastlos gleitet der Ex-Manager von Thema zu Thema, unterbrochen nur von seiner selbst geschaffenen Tätigkeit: Autos auf der Kreuzung zählen. Als sein Gegenüber weiter beharrlich schweigt, versteigt er sich in immer abstrusere Verschwörungstheorien …

„Man kann über Zufall diskutieren oder Schicksal oder Bestimmung. In Wahrheit bedeuten alle drei dasselbe. Ob ich Ihnen nun zufällig begegne oder weil es ein Weiser im Mittelalter auf einen Buchdeckel geschmiert hat, ist mir eigentlich egal …“

Bore-Out – nach Burn-Out das neue Massensyndrom achtlos beiseite geschobener Mitarbeiter, derer man sich leider rechtlich nicht einfach so entledigen kann. Daniel Wisser, der bereits in seinem Erstlings-Roman „Standby“ einem Callcenter-Mitarbeiter ein Denkmal gesetzt hat, lässt seinen namenlosen Protagonisten in „Ein weißer Elefant“ an eben diesem Bore-Out leiden. Unnütz sein – eine Schreckensvision in der Leistungsgesellschaft. Und so wird die persönliche Bilanz eines durch das Nichts überforderten Menschen unversehens zu einem Sittenbild unserer Zeit. Heißer Lesetipp!

Daniel Wisser
Ein weißer Elefant
Klever Verlag, 19,90 €

Foto (c) Klever Verlag

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