Kultur

Setz

Buchtipp: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

18. Juni 2013 • Kultur

Clemens J. Setz ist gerade mal achtundzwanzig Jahre alt, lebt und arbeitet in Graz und hat ebendort  Mathematik und Germanistik studiert. Was an sich schon eine eigenartige Mischung ist. Und Clemens J. Setz schreibt. Seine ersten beiden Bücher sind bei dem Grazer Residenz Verlag erschienen, für „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ konnte er dann sogar Suhrkamp für sich gewinnen und wurde dafür promt mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet.

Clemens J. Setz ist ein Name, den man sich vielleicht merken sollte. Kaum ein deutschsprachiges Feuilleton, in dem keine Lobeshymnen auf den jungen Grazer Literatur-Shootingstar gesungen werden. Der junge Mann beweist, dass er diesen Ruf nicht zu Unrecht hat: 2009 schaffte es der kontroverse Roman „Die Frequenzen“ ins Finale der letzten fünf des Deutschen Buchpreises, für seinen Erzählband "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ erhielt 2011 Preis der Leipziger Buchmesse und sein 2012 erschienener Roman "Indigo" gelangte auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.


Die Liebe in Zeiten des postmodernen Eremiten

„Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“, das sind insgesamt achtzehn Erzählungen, achtzehn postmoderne Märchen und Parabeln für Erwachsene. Setz erzählt keine schönen Geschichten. Vielmehr handeln seine Kurzgeschichten von ganz normalen, kapitalistisch-entfremdeten Individuen, deren Alltag durch eine oftmals surreal-absurde Begebenheit gestört wird und so die menschlichen Abgründe offenbart. Seine Hauptfiguren sind einsame, emotional unbehauste Menschen, allesamt auf der Suche nach irgendeiner Form von Geborgenheit. Mit ihrer moralischen Ambivalenz erinnern Setz’ Geschichten manchmal an Kafkas Parabeln, die Dialoge an Ionesco oder Becketts Absurdes Theater, eine schwindelerregende Metarealität, die sich plötzlich auftut, im Stile von Garcia Marquez oder Borges. Allen gemeinsam ist aber der abrupte Einbruch des Surrealen, des Grausamen, der die Alltäglichkeit und Belanglosigkeit des postindustriellen Menschen übergenau aufzeigt.

Achtzehn schmerzhafte Einblicke

Die Geschichte „Die Liebe zur zeit des Mahlstäfter Kindes“, die dem Erzählband seinen Namen gegeben hat, handelt von einer Lehmfigur, einer lebensgroßen Plastik, eben dem „Mahlstädter Kind“, das während eines Jahrmarkts aufgestellt wurde. Der verantwortliche Künstler bat, „dass jeder Bürger seiner Heimatstadt diese ungenaue Figur mit Schlägen, Tritten und ähnlichem in die bekannte, allen geläufige Form eines Menschenkindes bringen durfte, ja sogar bringen musste, in Sinne einer allgemein künstlerischen Verantwortung“. Nach anfänglichem Staunen beginnen die Bewohner der Stadt zuzuschlagen und verlieren sich – und ihren Verstand – in immer unkontrollierter werdenden Wutanfällen.

In einer anderen Geschichte, die stark an Borges Gedankenspiele erinnert, überlegt Setz (hier merkt man den Mathematiker), wie ein Computerspiel aussehen müsste, das so komplex ist, dass dessen letztes Level kein Mensch erreichen könnte. Oder er erzählt moderne Parabeln. Verstörende, kurze Moralstücke wie das einer jungen Frau, deren Visitenkarten plötzlich eitrige Pusteln bekamen, die sich langsam über ihr gesamtes (materielles) Hab und Gut ausbreiten.

Nicht ganz zu Unrecht lässt sich Clemens J. Setz auch gerne neben Schriftsteller und Übersetzer auch als „Gelegenheitszauberer“ ankündigen. Denn genau das gelingt dem Autor mit seinen Geschichten: Er kreiert mit seinen Erzählungen eine Form von nicht wirklich in Worte fassbarem Zauber, der über das Alltägliche hinausweist. Aber trotz aller Surrealität, sogar trotz aller Brutalität seiner Realitätsimplosionen, ist das verstörende an Setz’ Geschichten, dass man dennoch immer das Gefühl hat, dass sie tatsächlich jederzeit passieren könnten.

Clemens J. Setz
Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Suhrkamp Verlag

Berlin 201
350 S., geb.
EUR 19,90

Laura Windhager

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