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Buchtipp: Die Ernte

22. August 2013 • Kultur

Es gibt Bücher, die nimmt man in die Hand und hofft einfach, dass sie halten, was sie versprechen. Im Verlag luxbooks erscheinen genau solche Bücher: Sie sind geradlinig, aber wunderschön designt, die Ausstattung ist mit Bedacht gewählt – und im Fall von Autorin Amy Hempel hält dieser Zauber das ganze Buch hindurch an.

Hempel – in den USA schon lange als Großmeisterin der Kurzprosa bekannt – ist im deutschsprachigen Raum immer noch ein Geheimtipp. Das wird sich wohl, auch Dank des luxbooks-Vorhabens, weitere Erzählbände von ihr zu veröffentlichen, bald ändern. In „Die Ernte“ sind 16 Kurzgeschichten versammelt, die dem Wort „kurz“ wirklich zur Ehre gereichen.

Amy Hempel ist eine Meisterin im Weglassen und Aussparen. Ihre Geschichten sind kunstvolle Miniaturen, kein Wort ist hier zu viel, jeder Satz ist präzise und kühl abgezirkelt, wirkt jedoch nie kalt. Die kürzeste Geschichte mit dem Titel „Im Tierheim“ ist nur vier Absätze lang, doch könnte allein das, was im Auftakts steckt, die Seiten eines ganzen Romans füllen: „Jedes Mal, wenn man eine schöne Frau sieht, hat irgendjemand sie satt, sagen die Männer.“ Und tatsächlich, in den folgenden kurzen Passagen geht es um nichts weniger als Vergänglichkeit, Verlassenwerden und Verlorensein. Nacherzählen? Ein Ding der Unmöglichkeit, diese schillernden, skalpellscharfen Beobachtungen wollen gelesen werden.

Und überhaupt: diese ersten Sätze. Wohl das schwierigste überhaupt; Amy Hempel aber scheint gesegnet zu sein mit einem Gespür für Anfänge, die einen unweigerlich in eine Geschichte ziehen, deren Tiefe gleich in den ersten Worten zu erahnen ist. „Jack ‚Big Guy’ Finch versucht, seine Zähne zerspringen zu lassen.“, ist so ein erster Satz. Oder: „Tagelang gab es nichts zu sagen als: Was für ein herrlicher Tag.“ Eine Ahnung schwingt in diesen Zeilen mit, eine eigenartige Dunkelheit, die Hempels klare, schnörkellose Sprache umso mehr leuchten lässt.

Man sollte sich nicht täuschen lassen von der Kürze der Stories und der scheinbaren Einfachheit von Hempels Sprache. Vielmehr sind ihre vignettenhaften Prosastücke wie Eisberge: Der größte Teil liegt unsichtbar unter der gemeißelten Oberfläche. So verändern sich die Texte mit jedem neuen Aufblättern, werden größer, vielschichtiger und schillernder; viele Einzelheiten erschließen sich dem erstaunten Leser erst beim Wieder-Lesen. Ein wahrhaft großes kleines Buch für Wiederholungstäter.

Amy Hempel
Die Ernte
Erzählungen luxbooks, 15,40 €

Foto (c) luxbooks

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