Kultur

DonaukanalMetro

Buchtipp: Der Donaukanal

25. Juni 2013 • Kultur

Die Architektin Judith Eiblmayr und der Historiker und Stadtforscher Peter Payer machen sich in ihrem Buch „Der Donaukanal“ auf Entdeckungsreise durch die bewegte Geschichte des Kanals. Sie skizzieren darin den Bedeutungswandel vom „Versorgungskanal“ hin zur Stadt am Fluss und zur „Eventlocation“ . Darüber hinaus wird dem Leser der Donaukanal als Ansichtskartenmotiv und damit „der standardisierte Blick“ näher gebracht. Den Abschluss machen kurze kritische Essays mit Bildern von Christiane Zintzen, die verschiedene Elemente der Wasserader und vor allem des dazugehörigen Ufers behandeln.

Bedeutungswandel und Geschichte des Donaukanals

In den ersten beiden Kapiteln "Die gespaltene Stadt" und "Die ausgeprägte Uferkante" unternimmt man als LeserIn eine Reise durch vergangene Zeiten und den Beutungswandel des Donaukanals.

Wien eine gespaltene Stadt? Der Donaukanal als Demarkationslinie zwischen dem Alt-Wiener Stadtkern und dem proletarischen Wien? So wurde er in den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit wahrgenommen. In der Zwischenzeit zieren moderne Repräsentationsbauten am Rande des 2.Bezirks den Kanal und die Wiener treffen sich im Sommer in der Stadt am Fluss, an Eventlocations wie der Hermann Strandbar oder dem Badeschiff.
Letzteres steht ganz in der Tradition der Wiener Strombäder, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eröffnet wurden, nachdem die Hausabwässer nicht mehr durch den Donaukanal flossen. Ja man lese und staune, Bäder haben Tradition am Kanal und haben nicht erst mit dem Badeschiff etabliert. Damals strömten die Wiener in den warmen Sommermonaten zum Kanal um sich zu sonnen, zu baden oder zu flanieren.

Graue Jahrzehnte

Mit dem Beginn der Nazizeit bis in die Nachkriegsjahre wurde der Kanal zu einem unliebsamen Spalt zwischen „hüben und drüben“ wie es die Autoren nennen. In den 60er Jahren dominierte in den Umgestaltungsmaßnahmen die Funktion die Gestaltung und damit wurde der Donaukanal zu einem grauen, betonierten Flecken in der Stadt, der allmählich an Bedeutung verlor. Vorbei waren die Zeiten, in denen Kinder sich an den Ufern des Kanals oder im Wasser tummelten. Oder jene Ära wo die Hakoah bei den berühmten Wettschwimmen „quer durch Wien“ meist als Gewinner hervor ging, Turmspringer ihre Kunststücke zum Besten gaben und Ruderregatten stattfanden. Dieses Ereignis lockte zur Zeit der ersten Republik bis zu 250 000 Menschen an das Ufer des Donaukanals. Gar nicht an die Zeit zu denken, wo es noch einen Fischmarkt gab wie im 19. Jahrhundert oder noch weiter zurückliegend im 16. Jahrhundert, wo der Donaukanal den „Wiener Hafen“ beherbergte, welcher die Massen an Waren in die Stadt brachte und wodurch ihm in Europa eine zentrale Funktion als Versorgungskanal und Handelsrute zu kam.

Lange Zeit lag diese Wasserader der Stadt dann brach, wie in einem Dornröschenschlaf, von dem sie in den letzen Jahren von Architekten, PlanerInnen und findigen Gastronomen wieder erweckt wurde. Heute kommt dem Donaukanal wieder eine ähnlich zentrale Bedeutung als Erholungsoase in der Stadt zu wie im Wien Anfang des 20ten Jahrhunderts.

Imageproduktionen in der Ansichtskarte

Im Kapitel "Standardisierte Blicke" wird eine Genealogie der Entstehung der Postkarte und ihrer Funktion ein bestimmtes Image Wiens zu vermitteln, vorgenommen. Im Falle des Donaukanals war dieses mit dem „Selbstverständnis Wiens als Metropole von europäischem, ja weltstädtischem Format“. Entlang der verschiedenen Bilder über den Donaukanal wird dessen Entwicklung herausgearbeitet.


Essays über den Donaukanal

Im letzten sehr gelungenen Kapitel von Christiane Zintzen wird auf den öffentlichen Raum entlang des Ufers des Kanals ein kritischer Blick geworfen. Sie befasst sich dabei sowohl mit der Stadtmöblierung, wie Parkbänken, Schildern, Bodenmarkierungen, Graffitis (hier Sgraffiti), der Gastronomie, dem Donaukanal bei Nacht und seinen NutzerInnen.  Mit ihren kurzen Essays,  die sie mit einer gelungene Auswahl an Bildern in Relation setzt, schafft sie es, einen gegenläufigen Blick auf den Donaukanal, fernab der städtebaulichen Erlebnislandschaften, zu werfen.

Kritik

In den ersten beiden Kapiteln arbeiten die AutorInnen akribisch die Geschichte des Donaukanals und die bedeutendsten architektonischen und städtebaulichen Veränderungen auf. Gegen Ende liest sich der Beitrag von Judith Eiblmayr, „Die ausgeprägte Uferkante“, aber dann eher wie eine Werbebroschüre der Stadt Wien oder der Wienholding, was nicht von ungefähr kommt, denn schließlich fungieren diese als Sponsoren der Publikation. Die Herausbildung der städtischen Eventkultur wird hier kaum, im Hinblick auf die Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums, hinterfragt. Es wäre wünschenswert gewesen an dieser Stelle nicht nur die attraktiven gastronomischen Einrichtungen wie die Strandbar Herman, die Adria Wien oder das Badeschiff zu beschreiben, sondern die Konzeptlosigkeit bei der Gestaltung des öffentlichen Raums zu diskutieren. Im ersten Text „Die gespaltene Stadt“ von Peter Payer liest man zwar darüber, dass diesbezüglich noch Umgestaltungsmaßnamen angedacht sind, doch was die aktuelle Situation hinsichtlich der Erholungsfunktion des Donaukanals bedeutet, wird hier nicht diskutiert. Obwohl sich gerade diese Frage für die Stadtforschung und -planung aufdrängt. Dafür wird aber immerhin ein Zusammenhang zwischen der „Stadt als Eventlocation“ und den in den letzten Jahren stark zunehmenden Bautätigkeiten und Investitionen entlang des Donaukanals von Eiblmayr gesehen.
Die Herausbildung der „Stadt am Wasser“ in den letzten beiden Jahrzehnten ist natürlich äußerst positiv, ebenso wie die Eventkultur, die sich dort etabliert hat, doch das fehlende Angebot an Sitzmöglichkeiten, ebenso wie ein nicht vorhandenes Gestaltungskonzept des öffentlichen Raums entlang des Ufers gilt es gerade von der PlanerInnenperspektive zu hinterfragen.


Fazit

"Der Donaukanal" kann als gelungenes Buchprojekt bezeichnet werden, welches einen breiten Bogen aufspannt, von den historischen Entwicklungen, über den städtebaulichen Bedeutungswandel, hin zum Donaukanal als Ansichtsmotiv, das schließlich mit einem kritischem Blick in Form von kurzen Essays endet. Auch wenn man in den ersten beiden Kapiteln diesen kritischen Blick auf die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums entlang des Donaukanals vermisst.

Die Entdeckung einer Wiener Stadtlandschaft von Judith Eiblmayr und Peter Payer erschienen im Metroverlag.

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »