Kultur

BevorAllesVerschwindet_Suhrkamp

Buchtipp: Bevor alles verschwindet

4. April 2013 • Kultur

Damals, als alles anders war, als sie noch keine Ahnung hatten von nichts und ihre Phantasie sperrangelweit offen stand, wurden ihnen zwei Dinge prophezeit: erstens, ihr werdet einmal sehr glücklich sein, und zweitens, alles geht unter.

Was tun, wenn der Heimatort unweigerlich verschwindet, dem Boden gleich gemacht wird, kein Staubkorn mehr übrig bleibt? Die Bewohner des kleinen Dorfs in einer Talsenke stehen vor genau dieser Frage. Lange haben sie es vergessen wollen, haben die Realität nach Kräften und jeder auf seine Weise verdrängt, doch nun rollen die Bagger, und die „Verantwortlichen“ tauchen immer häufiger auf: Das Dorf soll einem Stausee weichen, Platz machen für den Fortschritt, und ach ja, ein neues Heim „mit Blick auf den See“ wartet auf die bald Heimatlosen. Ein schwacher Trost ist es da, dass das versprengte Häuflein die Ehre hat, den neuen Ort selbst zu benennen.

Während die Uhr unerbittlich tickt, hadert, trauert ein jeder und widersetzt sich jeder Einwohner dem Unausweichlichen: Die alte Greta plant akribisch ein Wiedersehen mit ihrem verstorbenen Ehemann; Wanko, der sentimentale Bürgermeister, ertränkt seinen Schmerz über den jahrelang zurückliegenden Verlust der Ehefrau und den bevorstehenden der Heimat in Alkohol und Gewalt; die kleine Marie und ihr Helferlein, ein Totenschädel, helfen ihrem Vater bei seinen verzweifelten Proben für ein Proteststück, das niemanden mehr interessiert; und die sonderbar schönen Zwillinge Jules und Julia müssen erfahren, dass sich ihre gespenstische Verbundenheit im Angesicht der Entwurzelung aufzulösen droht und an ihre Stelle die Sprachlosigkeit tritt.

In all der apokalyptischen Verwirrung wundert es keinen mehr, dass ein blauer Fuchs sich immer näher wagt und bald die Bauarbeiter anfällt; und dass von heute auf morgen der schweigsame Milo auf den Treppen des Rathauses sitzt. Er scheint anfangs nur für den Bürgermeistersohn David sichtbar zu sein, sucht später aber auch andere Dorfbewohner heim und wird zum Sinnbild aller unausgesprochenen Ängste, Sehnsüchte und Erwartungen.

Annika Scheffel erzählt von den letzten Monaten einer sterbenden Gemeinschaft in eigenartig sirrendem, schwebenden, fast märchenhaften Ton. Geradezu traumwandlerisch bewegt sie ihre Figuren durch eine versinkende Welt, verwebt das Alltägliche mit dem Fantastischen, ohne dass dies konstruiert wirkt. Mit überbordender Lust an Sprache und dem Fabulieren erschafft sie einen schaurig-schönen, manchmal auch klirrend-komischen Totentanz. Wenn sich am Ende die Außenwelt ihren Weg mit sensationslüsternen Katastrophentouristen und nach großen Gesten gierenden Pressevertretern in das Dorf bahnt, um den Untergang live mitzuerleben, wird aus Scheffels Roman noch etwas anderes: Eine beunruhigende Parabel auf unsere Gegenwart, in die Vergangenheit oft tröstlicher ist als die Zukunft, denn „Leben bewahrt sich in Erinnerungen, und mancher Moment wird erst dort Wirklichkeit, wo niemand ihn mehr sieht. Das ist gut. Das ist alles.

Annika Scheffel
Bevor alles verschwindet
Suhrkamp Insel, 20,60 €

Foto (c) Cover: Suhrkamp Insel, Poträt: Jens Gyarmaty

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