Kultur

Zu den Schattenorten von wien Metroverlag

Buchrezension: Zu den Schattenorten von Wien

30. Dezember 2011 • Kultur

von Wolfgang Freitag erschienen im Metroverlag

Zu den Schattenorten von Wien ist eine Entdeckungsreise zu den Orten der Stadt über die zwar jeder spricht, aber von denen sich bislang kaum jemand selbst ein Bild, bei einem Lokalaugenschein, gemacht hat. Mit der Erkundung der Hinterbühnen Wiens dekonstruiert Freitag die vielfältigen Klischees die manch einer von diesen Nicht-Orten hat.

Zum Autor:
Wolfgang Freitag befasst sich seit zwanzig Jahren in seiner journalistischen Arbeit bei der Presse u.a. im Spectrum, neben vielen anderen Themen, kontinuierlich mit dem Thema Stadt und Wiener Alltagswelten auf verschiedenen Ebenen. Seit mehr als zehn Jahren bearbeitet er die unterschiedlichen Themen nicht nur in Reportagen, Porträts und dichten Beschreibungen Wiens, sondern hält seinen Blick auf die Stadt auch in Fotografien fest.

Expedition durch die Hinterbühnen der Stadt

In vierzehn Essays nimmt Freitag die LeserInnen mit zu den Schattenorten Wiens. Der Autor wählte bewusst jene Orte für seine Expeditionen durch den Stadtraum, die sonst im Verborgenen liegen und denen die Öffentlichkeit kaum Beachtung schenkt. Damit greift er Aspekte Wiens auf, die sich zwar in das kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben haben, über die aber kaum jemand etwas weiß. Innerhalb von sechs Monaten schloss er nicht nur die Recherche ab, sondern besuchte in dieser Zeit auch die im Buch skizzierten Schattenorte und schrieb Essays, über die zahlreichen Begegnungen mit Menschen die dies Orte bewohnen, pflegen oder als Arbeitsplatz nutzen.  

Nach seinem Besuch im Flackturm im Arenberg Park kam die Idee auf, sich nicht nur in Form einer Zeitungsreportage mit jenen Plätzen der Stadt zu beschäftigen, sondern sich die Zeit für ein Buchprojekt zu nehmen und sich  auf Entdeckungsreise zu begeben. Die Beschreibungen Freitags sind nie sensationslustig, voyeuristisch oder oberflächlich. Behutsam nimmt er sich der Orte und Menschen an, die an diesen Orten arbeiten oder leben, womit er ganz in der Tradition der Chicagoer Schule der Soziologie von Robert Ezra Park steht. Nach dem Motto „to see life“ „to get the feeling of the street“ begibt sich der Autor auf eine Spurensuche.

Die Stationen seiner Reise könnten unterschiedlicher kaum sein. So erkundet er das Polizeianhaltezentrum Hernals, die Mülldeponie Rautenweg, den Narrenturm, ein Obdachlosenheim, das städtische Krematorium und Macondo, um hier nur einige aufzuzählen. Gemein ist all diesen Plätzen Wiens, dass sie in den Köpfen vieler WienerInnen mit Bildern verknüpft sind, die meist nichts mit den realen Orten zu tun haben sondern eher klischeehaft sind. Mit seinen Erkundungen dekonstruiert Freitag diese Klischees und zeigt sie fast immer aus der Perspektive jener Menschen für die diese Orte, Heimat, Rückzugsorte oder Teil ihrer Alltagswelt sind. Mit dem Besuch der Schubhaftanstalt und des Obdachlosenheims begibt er sich an die Ränder der Gesellschaft und gibt ihnenGesicht und Geschichte.

Die ganze Welt auf fünf Hecktaren

„Macondo gibt es nicht. Denn Macondo ist nur ein Name, gewählt von Gabriel García Márquez für den Handlungsort, seines Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“. Andererseits: Macondo gibt es doch.“ Denn es leben über 3000 Menschen in der ehemaligen Kaserne in Simmering.
Bei seiner Reise nach Macondo im 11. Wiener Bezirk arbeitet er in Gesprächen mit den SozialarbeiterInnen des vormaligen Kardinal-König-Wohnheims und aktuellen Projekts des ÖIF – des österreichischem Integrationsfonds – in dem seit den 1950ern MigrantInnenen und AsylwerberInnen leben, die Geschichte des Ortes auf, so auch den Bedeutungswandel des Orts. So zeigt ers, dass was einmal ein Zufluchtsort für AsylwerberInnen war nun ihre letzte Station in Österreich ist, denn seit 2008 ist eines der vier Gebäude des ÖIF, ein „Familienanhaltezentrum“. Außerdem wird in den Gesprächen mit den BewohnerInnen dieses Stadtteils – für die Mehrheitsbevölkerung unsichtbaren Ort – sichtbar gemacht welche Bedeutung Macondo für seine BewohnerInnen hat. Er erzählt auch die Geschichte jener Menschen die hier seit Jahrzehnten leben und den Ort, so weit es möglich war, zu ihrem gemacht haben. Für die WienerInnen ist es ein Nicht-Ort, welcher keine Relationen zum restlichen Stadtgebiet hat, etwas was man lieber aus dem Bewusstsein verdrängen möchte. Die meisten wissen gar nicht um die Existenz dieses Stadtgebiets, einer ehemaligen Kaserne die seit Jahren zur Heimat für viele Flüchtlinge geworden ist.

Nicht-Orte Wiens

Freitag begibt sich auch an einem der „hidden places“ Wiens, in denen viele AsylantragstellerInnen abgeschottet von der Außenwelt leben – das Polizeihaltezentrum Hernals. Dieser erhält sonst nur mediale Präsenz, wenn das innenpolitische Reizthema Asyl und Migrationspolitik wieder einmal thematisiert wird. Die Mühe sich an eines der Polizeihaltezentren vor Ort zu begeben, hat sich bislang kaum jemand gemacht. Außerdem ist die Schubhaftanstalt nicht für Jedermann zugänglich. In seinem ersten Essay begibt sich Freitag an diesen transistorischen Ort um sich einen Einblick in das Leben der Schubhäftlinge zu verschaffen. Dabei wird er vobn einem Oberleutnant durch die leeren Zellen der Schubhaftanstalt geführt. Aus rechtlichen Gründen darf mit den Insassen nämlich nicht gesprochen werden. Doch auch die leeren Gefängniszellen, die karg eingerichtet sind und deren Wände von den BewohnerInnen zum Teil bemalt wurden um ein Stückchen ihrer Individualität zurück zu erobern, um nicht im Foucaultschen Sinne ihre Persönlichkeit an der Tür abgeben zu müssen.

Urbane Erkundungen

Für all jene die sich für die Hinterbühnen in der Stadt interessieren, Lebenswelten, Alltagsgeschichten und Brüche im urbanen Raum sei das Buch empfohlen. Die Essays weisen unterschiedliche Tiefenschärfe auf. Währen einige der Essays eher aus einer Perspektive über die Schattenorte Wiens berichten, sind andere dichte Beschreibungen aus vielfältigen Perspektiven und differenzierten Befunden über den Zustand unserer Gesellschaft und das urbane Leben.

signatur_cornelia.jpg Cornelia Dlabaja

Verloren in der Stadt: Auf Entdeckungsreise im Asphaltdschungel

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