Kultur

(c) Stadt und Frauen
(c) Stadt und Frauen

Buchrezension: Stadt und Frauen

30. Dezember 2011 • Kultur

Eine andere Topgraphie von Wien von Elke Krasny

Wer durch die Straßen der Stadt spaziert wird sich vielleicht auch schon das ein oder andere Mal gefragt haben, was die Steine auf denen man geht zu erzählen hätten, man denke nur an die Steine der Erinnerung. Diese Gedanken kommen ab und an auch beim Nachhauseweg auf, oder einem jener Wege die man jeden Tag zurück legt. Man stellt sich die Frage, wer hat in diesen Häusern gelebt, wer war in meinem Lieblingskaffeehaus vielleicht lange vor meiner Zeit zu Gast?

Frauen in der Wiener Stadtgeschichte

Die Kulturtheoretikerin Elke Krasny hat sich mit 20 Frauen auf die Spurensuche nach der Geschichte der Stadt und jener Frauen gemacht, die sie zu dem Ort gemacht haben, den wir heute kennen. Sie beging mit 20 Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Kulturschaffenden und anderen Frauen deren Alltagswege und ließ sich von ihnen etwas über ihre Erinnerungen und Verknüpfungen mit jenen Wegen erzählen. In einem zweiten, aufwendigen Schritt recherchierte Krasny, welche meist berühmten oder bekannten Frauen in der Vergangenheit in jenen Stadtteilen lebten, arbeiteten oder wohnten. Das erste Ergebnis ihrer über vier Jahre andauernden Forschungsarbeit ist dieses Buch und die dazugehörige Ausstellung ‚Stadt und Frauen‘ im Wiener Rathaus.

Ein roter Faden durch die Stadt

Im Buch begleitet man die Kulturtheoretikerin auf ihren Stadtspaziergängen mit jenen Frauen. Die Spaziergänge sind als Zwiegespräch strukturiert. Als LeserIn wechselt man immer wieder zwischen dem Spaziergang mit einer der 20 KünstlerInnen und der darauf folgenden historischen Spurensuche an diesen 20 Wegen. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist eine andere Topographie Wiens, die in weiten Teilen bislang nicht sichtbar war, da in der Geschichtsschreibung der Stadt früher kaum Augenmerk auf Frauen gelegt wurde, die einen Beitrag zum kulturellen und politischen Leben geleistet haben. Krasny arbeitet auch heraus, welche Netzwerke jene Frauen gepflegt haben und welche Orte dabei für sie zentral waren. Der rote Faden der Erzählungen im Buch sind die Narrationen der Spaziergängerinnen und ihre zum Teil autobiografischer Geschichten, der mit historischen Fakten und Geschichten unterlegt wird.

Frauenstadtspaziergänge und berühmte Persönlichkeiten

Beim Lesen der 20. Stadtspaziergänge erfährt man nicht nur mehr über die Biografien der Frauen, sondern vorrangig auch über Orte und Frauen die Wien bis heute geprägt haben, wie dem Verein Ute Bock in der Großen Sperlgasse oder über das Atelier von Trude Fleischmann. Beim Stadtspaziergang mit der Arbeitsinspektorin Eva Bogner, der von der Lerchenfelder Straße in die Mariahilfer Straße führt, beschreibt die Autorin wie die Sozialdemokratin Paula Manz und Bruno Kreisky nach der Niederlage der Sozialdemokraten Flugzettel vor dem Café Westend verteilten. Außerdem erfährt man, dass die Westbahn früher Kaiserin-Elisabeth-Westbahn hieß und die Elisabethstatue am Westbahnhof noch an diese Zeit erinnert. Auf der Entdeckungsreise durch Renee Schroders Alltagsweg vom Stubenring zur Börse werden jene Orte, die in ihrem wissenschaftlichen Werdegang besonders wichtig sind, vorgestellt.

Vor allem aber erfährt man mehr über jene Plätze, an denen Frauen ein Stück Stadtgeschichte geschrieben haben, wie über die k.k. Mädchenschule, die 1789 in der Bäckerstraße eröffnet wurde, oder, dass das Café Alt Wien in den 70er Jahren ein wichtiger Treffpunkt für die neue Wiener Frauenszene war, weil es Montags immer ein Open House der Aktion Unabhängiger Frauen gab. Oder über den Salon der jüdischen Salonniérin Fanny Arnstein in der Zeit des Wiener Kongresses, das rituelle jüdische Frauenbad Mikwe in der Wipplingerstraße 11 und nicht zu vergessen über eines der wichtigsten Fotoateliers Wiens zu seiner Zeit, das Atelier d`ORA, das 1910 von Philippine Kallmus eröffnet wurde. Man kann auch nachlesen, dass sich auf dem tiefen Graben in den 30ern jene Forschungsstelle befand, die von Maria Jahoda-Lazarsfeld gegründet wurde – jener Frau, die die Studie ‚Die Arbeitslosen vom Marienthal‘ mitverfasste.

Stadtbekannt meint

Das Buch ist eine vielschichtige Reise durch Teile des kollektiven Gedächtnis der Stadt, die bislang im Verborgenen blieben, weil sie in der Öffentlichkeit kaum sichtbar waren. Man könnte ‚Stadt und Frauen‘ auch als historischen Reiseführer der anderen Art bezeichnen, da darin sowohl subjektive biografische Blickwinkel auf die Stadt gelegt werden, aber man als LeserIn vor allem sehr viel über historische Persönlichkeiten und Orte der Emanzipation erfährt. Nachdem man sich an die etwas eigentümliche Erzählstruktur des Wechselspiels aus dem lebensweltlichen Blick auf die Stadt und den historischen Fakten gewöhnt hat, kann man sich in die vielen Ebenen der Erzählungen vertiefen und aus dem schier nicht enden wollenden Fundus an Wissen über prägende Frauen Wiens schöpfen.

Informationen über das Buch:

Stadt und Frauen : Eine andere Topographie von Wien € 19,90
Erschienen im Metro Verlag
ISBN: 978-3-902517-78-4

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