Kultur – Musik

Robert.

Bob Dylan – zum baldigen 70sten Geburtstag und der Dylan-Konferenz.

19. Mai 2011 • Musik

Dylan.

Der, dem man auf der Metaebene genauestens durchdachte Metamorphosen anhängt, das ständige defragmentieren und wieder aufbauen von Identitäten. Eh, der auch. Der, zu dem jeder einen anderen Zugang findet, von einer anderen Seite eintritt, draußenbleibt, vielleicht gar nicht rein will. Der Song and Dance Man, der mit der "mathematical music". Der, den sie nach seiner rechten Hand fragten, der aber im Traum nicht daran dachte, ihnen auch nur die Fingerkuppe vom kleinen Finger zu zeigen. Der, der nach Hause musste: der, der sich seine Landkarte hierfür selbst zeichnete, besser noch: erfand.

Der, der getrieben und zigarettenrauchend auf seine Schreibmaschine einhämmerte und vergaß, dass er Songs geschrieben hatte, die er im Radio hörte. Der, dem Bob Johnston bescheinigte, damals jede Minute vom Obersten persönlich in den Arsch getreten zu sein. Der, den man mystifiziert, universifiziert, akademisiert, dylanisiert. Der mit den ewig großartigen Alben, der mit den auch oft furchtbaren Alben.

Der, der am Schlachtfeld einer Trennung stehend mit einem Bastard von einem Todesstoß-Lied wie "Idiot Wind" noch einmal ins offene Grab rotzte, die schiere Enttäuschung so dermaßen detailliert und schonungslos seziert als wollte er sichergehen, dass auch jedes letzte Stück Erde bis ins letzte abgebrannt ist, bis sogar auch nur ein letzter Abschiedsgruß undenkbar und völlig obsolet wird.

Der, der mit Anfang Zwanzig durch herzlose, obskure, apokalyptische und zermürbende Landschaften und Szenerien streunte, prognostizierend dass da ein Regen aufkommen würde, und der würde nicht schön werden, dieser Regen. Der nach oben gestreckte Zeigefinger, der hatte keine belehrende oder prophetische Funktion, der zeigte nur die Richtung an, von der es runterkrachen wird.

Die "voice of consciousness", der ewige Chronist, der von dem sich alle Antworten erwarteteten, der aber nicht im Geringsten daran dachte, Antworten geben zu müssen. Oder zu können. Oder zu wollen.

Der, der als Junger sein Idol Woody Guthrie am Krankenbett besuchte und ihm Lieder vorgespielt hat. Der, dem Pete Seeger die Kabel durchschneiden wollte, der den man ausgebuht hat weil Protestsänger nicht mit verzerrten E-Gitarren auf die Bühne kommen sollen. Der, der Joan Baez nicht zu sich auf die Bühne holte weil man nicht verliebt und weise zugleich sein kann.

Der, dem sie damals sogar Metaphorik unterstellten, wenn er ein T-Shirt mit Motorradaufdruck trug. Der darüber scherzte. Der dann nicht viel später mit dem Motorrad verunglückte und lange nicht wieder kam.

Der, der lange gebraucht hat um jung zu werden.

Der, der die Knarren einfach nur in die Erde graben und noch rein wollte, bevor sie im Garten dort drüben die Tore schließen, wenn sich der Gärtner nicht bereits längst aus dem Staub gemacht und vom Garten abgewendet hat.

Der Streuner, der Hobo, der Clochard, der Taschenspieler, der auf Güterzügen in die Stadt kam und in mancher Stadt auch einen Tag zu lange blieb um keinen Ärger zu machen. Der Prophet, der Scharlatan mit dem verschmitzten Grinsen, das keiner so richtig lesen konnte. Der Erzbischof der Anarchie, der Trinker, der Christ, der Gottesmann. Der, der seinen Deal angeblich wahlweise mit dem Allmächtigen oder dem Leibhaftigen gemacht hat und diesen Deal jetzt ausbadet, beendet, weiterführt, Stadt für Stadt und Bühne für Bühne.

Der Hipster, der Bohemian, der Familienmann, der Isolierte, der Cowboy, der Elder Statesman of Blues, die Songschreiberikone, die Top 1 der Rolling Stone Liste der wichtigsten Songs, der mit dem Vegas-Glitzersakko.

Der mit der Victoria’s Secret Werbung und anderen Streichen, die er uns spielt und hoffentlich immer spielen wird. Der mit der blonden Perücke und der Santa-Mütze.

Der mit "It’s Alright Ma (I’m Only Bleeding)" und der mit "Wigwam".

Der mit "Turn the organ up". Der mit "I don’t believe you, you’re a liar".

Der, der Jack Frost die Produktion überlässt.

Elston Gunn, Bobby, Zimmermann. He’s all yours.

Alles Gute, alter Trickster.

photo (c) Bob Dylan "Love And Theft" (booklet)

Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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