Wien – Leben

Biernominierung

Biernominierung – Internetspaß für echte Männer

13. Februar 2014 • Leben

Facebook wird zehn Jahre alt und hat zur Feier des Tages das alleine-zuhause-trinken endlich gesellschaftsfähig gemacht.

Sonntagnachmittag ist das Nirvana unter den Wochentagen: der Rausch vom Vortag ist zwar nicht mehr lebensbedrohlich, aber um sich aus der Wohnung zu schleppen und etwas zu unternehmen reicht es dann doch nicht. Gott sei Dank gibt es Facebook, denn da ist immer etwas los – wer dieser Tage online geht, läuft allerdings Gefahr, die ohnehin leidgeprüfte Leber noch weiter schädigen zu müssen, denn derzeit erobert die „Biernominierung“ das soziale Netwerk. Der „Sinn“ ist schnell erklärt: man filmt sich selbst dabei, wie man ein Krügerl in einem Zug leert und nominiert dann drei glückliche Freunde, die dasselbe tun müssen. Erinnert sich noch jemand daran, als wir tagelang darüber nachdachten, ob wir uns trauen sollten, den echten Namen oder gar ein Foto von uns im Internet zu veröffentlichen? Heute werden selbstproduzierte Videos vom hemmungslosen Alkoholkonsum geposted, ohne dass man auch nur darüber nachdenkt, ob irgendjemand das vielleicht falsch interpretieren könnte.

Ex oder nie wieder Sex

Genug gemeckert, jetzt schreite ich zur Tat: ein Bierglas ist schnell gefunden, mehr als Dosenbier einer Billigmarke ist zwar nicht im Schrank auffindbar, aber um ein Geschmackserlebnis soll es ja nicht gehen. Warm ist das Ganze natürlich auch, aber zum kühlen bleibt mir keine Zeit, denn wer zu lange wartet, der wird bestraft – nach vierundzwanzig Stunden ohne Trinkantwort in Videoform muss man dem Herausforderer als Belohnung (oder Strafe) für dessen Sieg eine Kiste Bier vor die Tür stellen. Mit einem Zischen öffne ich die Dose und leere den Inhalt ins Glas um. Vorsichtig setze ich das Behältnis an meinem Mund an und verdränge den Gedanken, dass man mitte dreißig wirklich nicht mehr wie ein Teenager trinken sollte. Mund auf, Augen zu und schon schießt das Bier die mehr oder weniger durstige Kehle hinunter. Wer schon einmal probiert hat, einen halben Liter eines kohlensäurehaltigen Getränkes auf einmal zu trinken weiß, dass das alles andere als einfach ist. Der Geschmack des warmen Hopfens ist schon in kleinen Mengen widerlich und gleicht hier einem regelrechten Sturzbach der Übelkeit. Ich mache kurz die Augen auf um meinen Zwischenstand zu überprüfen und stelle mit gewisser Erleichterung fest, dass ich die Hälfte geschafft habe, spüre aber gleichzeitig, wie mir das Getränk wieder hochzukommen droht und nehme deshalb einen besonders großen Schluck, um der Katastrophe entgegenzusteuern. Irgendwann setze ich ab, schaue auf die Uhr und sehe, dass ich über zwanzig Sekunden gebraucht habe, was mich im Internet zum absoluten Versager macht, aber immerhin: das Glas ist leer. Ich bin mir unsicher, ob ich stolz auf diese Leistung sein soll und frage mich, ob Bierextrinken olympische Disziplin werden und ich mich dann mehr für die Spiele begeistern könnte. Das Schöne an Bier ist, dass die Wartezeit bis zum Einschlag kurz ist und ich mich augenblicklich vollkommen betrunken fühle. Bei der anschließenden Recherche im Internet sehe ich einen Kollegen, der kein Bier zuhause hatte und stattdessen einen halben Liter Wodka runterkippt – er wäre für Russland bereit.

Andreas Rainer

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