Lifestyle – Reise

Sprachbarrieren

Berlin: Sprachbarrieren – oder: Was ist ein Zuckerl?

20. Jänner 2011 • Reise

Dass die österreichische und die deutsche Vorstellung von Sprache zum Teil ein wenig voneinander abweichen mögen, das ist wahrscheinlich mittlerweile jedem klar. Doch während Österreicher scheinbar eher an das Deutsch des Nachbarlandes gewöhnt sind, ist man umgekehrt schneller in der Position, sich dem deutsch-deutschen Wortschatz anzupassen, um nicht fragende oder belustigte Blicke zu ernten. Damit dies der Fall ist, ist es gar nicht vonnöten, seine Abstammung in Salzburg, Tirol oder der Steiermark zu haben, wienerisch angehauchtes Deutsch reicht, um Verwirrung zu stiften.

Abgesehen von den allseits bekannten All-Time-Klassikern wie Sackerl versus Tüte, hier meine ganz persönliche Favoriten, die nicht einmal nur belächelt, sondern vielmehr teils wirklich nicht verstanden wurden. Ein kurzes Beispiel anhand eines Ausgeh-Abends…

Eine Anekdote.

Vor dem Ausgehen ist es natürlich ratsam, sich anzukleiden, man tut dies hier jedoch nicht mit handelsüblichem Gewand, sondern wirft sich mit Klamotten in Schale. Hat man dies geschafft, und sich ob der frostigen Temperaturen auch noch die Haube/ Mütze über das Haupt gestülpt, kann man schon getrost ins Freie Richtung Bim/ Tram losmarschieren, die einen nach einigen Stationen zum Lokal/ zur Kneipe seiner Wahl bringt (unterwegs hat man sich nach dem Genuss eines herzhaft mit Zwiebeln verfeinerten Dürüms/ einer Schawarma noch ein Zuckerl/ Bonbon gegönnt, um den Kollegen/ Kumpeln nachher keinen Schrecken einzujagen). Im Lokal/ der Kneipe angekommen, kann man sich dann mit dem Barkeeper darüber streiten, dass doch ein weißer Spritzer/ eine Weißweinschorle im Angebot sein muss. Akzeptiert man das Nein/ Nein schlussendlich und gibt sich mit einem Bier zufrieden, sucht man seinen Zwanziger/ Zwanni aus dem Geldbörsel/ der Brieftasche, um ihn dem mittlerweile entnervten Barmenschen zwecks Bezahlung auszuhändigen. Nach dieser Grenzerfahrung kann man sich dann, bereits selber leicht entnervt, in den Polster/ das Kissen der Couch/ des Sofas zurücklehnen, um sich eine Tschick/ Kippe zu wuzzeln/ drehen und durchzuatmen. Geschafft, man ist mit dem Nötigsten versorgt! Der Wuzzler/ Kicker steht zwar in der Ecke der Bar/ Kneipe, man sollte ihn jedoch nicht unbedingt ansprechen beziehungsweise ein Spielchen vorschlagen, will man sich einen brüllenden Lachanfall auf eigene Kosten ersparen. Entschließt man sich nach dem Ausgeh-Spaß dann doch irgendwann dazu, den Heimweg anzutreten, sollte man sich vorher darüber informieren, ob sich die U-Bahn noch ausgeht/ ob man es schafft, sie zu erreichen. Ansonsten kann man noch mal einen Zwanziger/ Zwanni abheben und sich erschöpft ein Taxi gönnen.

Denjenigen, die nun meinen, geh bitte, die übertreibt doch maßlos, wünsche ich besonders viel Vergnügen dabei, die teils recht irren und vor Schadenfreude nur so strotzenden Nachahmungsversuche der Floskel „geh bitte“ über sich ergehen zu lassen, welche überaus gerne betrieben werden. Kommentiert man diese Nachahmungen mit Verdrehen der Augen und einem „oh mein Gott“, erzielt man lediglich eine Fortsetzung des außerordentlich lang gezogenen und genäselten Berliner Wienerischen.

Oida?

Wieso sich das Amüsement über österreichisches Deutsch von Seiten unserer Nachbarn in so offensichtlicheren Bahnen bewegt als dies eigener Erfahrung nach umgekehrt der Fall ist, vermag ich nicht zu beantworten. Eine unter Umständen recht rationale oder nachvollziehbare Antwort könnte die Tatsache sein, dass sich in der deutschen Bundeshauptstadt wesentlich weniger Österreicher aufhalten als umgekehrt Deutsche in Wien ihre Bahnen ziehen. Die Offensichtlichkeit meiner nicht-deutschen Herkunft kann hier tatsächlich noch Erstaunen auslösen, und stolz wurde mir auch schon einmal berichtet, dass man außer mir noch einen Wiener in Berlin kenne und der sei recht cool. Bedenkt man also, dass man in Berlin mit österreichischer Staatsbürgerschaft eher noch ein wenig neugierig beäugt, denn gewöhnt zur Kenntnis genommen wird, dann kann man über diverse Nachahmungsversuche hinwegsehen und sich denken: Geeeeeh biiiittee.

Wienerin in Berlin (I): Die Sache mit dem Kiez.

Wienerin in Berlin (II): Warum Berlin von der Wurst regiert wird.

Wienerin in Berlin (IV): Eine Hommage an den Berliner Club.

Wienerin in Berlin (V): Weihnachtsmärkte des Grauens.

Wienerin in Berlin (VI): Die sexy Berliner Mauer.

Wienerin in Berlin (VII): Wien, schnoddrige Hauptstadt des Zwergenstaates Österreich.

Wienerin in Berlin (VIII): Berlin, wo sind deine Alten hin?

Wienerin in Berlin (IX): Berlin – Was es braucht, um so richtig cool zu sein.

Eva Felnhofer

ist noch 2 Monate und 1 Woche in Berlin.

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