Kultur – Musik

DMB

Aus dem Plattenregal: “Before Those Crowded Streets” von der Dave Matthews Band.

9. Februar 2013 • Musik

Ab und zu greifen wir (immer regelmäßiger) ins Plattenregal, ziehen ewig grandiose Alben raus und hören wieder einmal rein. Heute: "Before Those Crowded Streets" von der Dave Matthews Band.

Auf Platte geht die Dave Matthews Band mittlerweile gar nicht mehr, und ich verstehe auch jeden Zyniker, der DMB – wie sie von ihren devoten Anhängern (derer ich ein gutes Jahrzehnt einer war) – als Hootie and the Blowfish für Pseudo-Jambands tituliert. Ich verstehe auch, dass zwanzigminütige Improvisationen nicht jedermanns Sache sind, dass DMB in Amerika einen unguten Fratboy-Beigeschmack haben. Und dass sie in Europa nicht ganz Fuß fassen konnten, während sie in den USA Stadien füllen: auch verständlich irgendwo.

Aber scheißegal, lange bevor Dave Matthews dachte, er müsse jetzt Radiosingles schreiben und sich zuerst mit Glen Ballard zusammentat um das schwache „Everyday“ aufzunehmen um mich später mit dem von Mark Batson produzierten, durch und durch katastrophal schlechten „Stand Up“  beinahe dazu zu bringen, jedwedes mühsam aus USA-und Englandreisen mitgebrachtes Memorablium beherzt in den Mülleimer zu schmeißen – da gab es früher eine Dave Matthews Band, die drei völlig grandiose, musikalisch irrsinnig versierte Alben hatten. Und da hatte sicher der Produzent, Steve Lillywhite, seinen Anteil – ein Schwergewicht in Punkto Produktion, der leider aber in letzter Zeit gerne auch Mal mit Griffen in die Kloschüssel glänzte (fader als das von ihm produzierte Jason Mraz-Album geht es nämlich kaum, Fratboy die zweite).

Und so sehr ich jetzt offensichtlich geschimpft habe, so sehr liebe ich das dritte DMB-Album, „Before Those Crowded Streets“. Weil elf Songs und einige Zwischen-Instrumentals lang ein Stilmix gepflegt wird, den man im Pop so noch nicht gehört hatte – mit einer multi-layer Produktion, filigranen und delikaten Sounds – und bei jedem Durchgang kann man etwas neues entdecken.

Da wäre der grandiose Opener „Pantala Naga Pampa“ (übersetzt „I´ve got a python in my pants“), das in vierzig Sekunden alles sagt, was zu sagen ist – ehe es in den 5/4 Takt Funk „Rapunzel“ übergeht, in dem Dave – wie er das so gerne tut – mal gepflegt über Cunnilingus mit der Angebeteten formuliert. Textlich völlig kindisch, musikalisch völlig grandios.

Elf Songs, die gerne ausufern, elf Songs die unterschiedlicher nicht sein können. Das orientalisch angehauchte „Last Stop“, live ein Monster von einem Song. Das funky gutgelaunte „Stay“, das in all seiner Leichtigkeit mit dem doch eher düsteren Album so gut wie nichts zu tun haben scheint.

So richtig grandios wird es aber erst im hinteren Drittel, da geht es Schlag auf Schlag: „Pig“, mit dem DMB-obligaten „carpe diem“-Motiv, das wunderschöne, ausufernde „The Dreaming Tree“ und als Abschluss „Spoon“, mit Alanis Morrisette an den backing vocals.

Ein Song, der hat es nie auf das Album geschafft, stand aber auf der Setliste. „MacHead“, so Lillywhite, haben sie ihn genannt. Weil er wie eine Mischung klingt aus MacCartney und Radiohead. „The most haunting piece DMB have recorded“, sagte der Produzent, und mittlerweile ist der Song so etwas wie der heilige Gral. Keine Aufnahme kursiert, dafür aber tausende Theorien, in was der Song sich entwickelt haben könnte.

Und am Ende, als Spoon aus ist und ein paar Minuten Stille kommen, erklingt da dieses wunderschöne Outro, „Last Stop Reprise“, das durchaus Beatles-Qualitäten hat, und mache Sagen, dass Thom Yorke so fern nicht sei, vom Vergleich. „Come in from the cold for a while“ heißt es. Und jedes Mal wenn ich es höre, auch wenn es mittlerweile von Insidern belegt ist, dass “MacHead” ein ganz anderer Song ist, der damit nichts zu tun hat: egal, was auch immer.

So gut wie da waren sie nie mehr.

(1) Ryan Adams "Heartbreaker"
(2) John Frusciante "Shadows Collide With People"

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