Kultur – Musik

All That You Can't Leave Behind

Aus dem Plattenregal: All That You Can’t Leave Behind von U2

4. Juni 2013 • Musik

U2 haben immer gern ein wenig über die Stränge geschlagen, und das ist auch schon das eine oder andere Mal, selbst in Augen vieler Hardcore-Fans, schief gegangen: nachdem "Pop", dessen Ironie und gespielte Abgebrühtheit ein wenig gar aufgesetzt wirkte, eher mittelprächtig aufgenommen wurde, hieß es, zurück zu Altbewährtem. Die Band kehrte (die auf "Pop" mit Flood, Howie B und Steve Osbourne als Produzenten arbeitete) im Jahr 2000, nach gut zweijähriger Arbeit, mit "All That You Can’t Leave Behind" einerseits zu ihren Stammproduzenten Brian Eno und Daniel Lanois und im weiteren Sinne mit einem ihrer vielleicht besten Alben zurück. War bei Popmart die totale Megalomanie angesagt, passte die verhältnismäßig reduzierte Tour von "All That You Can’t Leave Behind" sehr gut zu den Songs des Albums: nichts mehr mit Pop-Ironie und Mephisto spielen, nichts mit (oft etwas aufgesetzt wirkenden) Electronica und weiß der Teufel was-Spielereien – das Quartett klang nach Längerem einmal wieder wie es selbst. Was natürlich nicht heißt, dass da keine Megalomanie dabei war. Die gehört zu U2 wie der gelegentliche falsche Akkord zu Keith Richards Liveshows.

Einiges an "All That You Can’t Leave Behind" stellt schon eine gewisse Hochform dar: Bonos Vocals zum Beispiel, im Vergleich zum Nachfolgeralbum "How To Dismantle An Atomic Bomb" bei aller Präsenz recht dezent im Gesamtmix, waren selten besser. Und auch als Songschreiber glänzt das Dubliner Quartett an einigen Stellen: so war schon die erste Single "Beautiful Day", gleichzeitig Album-Opener, ein bemerkenswert guter und interessant arrangierter Song. Ursprünglich im recht gewöhnlichen Rock-Kontext geplant und in diesem von Band und Umfeld als eher mittelmäßig empfunden, spielten sich Band und Produzenten mit String-Synths und E-Pianos und verbrachten mehrere diskussionsfreudige Wochen mit dem Mix. Herauskam einer der besten U2-Songs seit langem.

"Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of" hat Bono über seinen Freund Michael Hutchence (INXS) geschrieben, der sich kurz davor das Leben nahm. Herausgekommen ist ein berührender, beinahe schon gospeliger Song. Für den Song kam extra Mick Jagger im Studio vorbei um Backing Vocals einzusingen, genommen hat man die Gesangsspuren beim Endmix dann aber doch nicht.

Man ist bei den Singles chronologisch vorgegangen: nach "Beautiful Day", dem ersten Track des Albums, und "Stuck In A Moment You Can’t Get Out Of", Track Nummer zwei, kam als drittes dann die Rocknummer des Albums, "Elevation" dran, nach der dann auch die folgende Tour benannt wurde. "Elevation" ist der U2-typische Ausreißer, den es auf beinahe jeder Platte gibt. Sowie Single als auch Track Nummer vier war dann "Walk On", das aufgrund seiner Thematik dem Album in Burma ein Verbot einbrachte – ist das Lied doch, eine Durchhalteparole quasi, für Aung San Suu Kyi geschrieben.

Der herausragendste Song aber ist "In A Little While", auch wieder so ein Song mit Gospelqualitäten. Besser hat Bono selten geklungen: rau, angeschlagen klingt seine Stimme. Ein Lied über den Morgen danach, den Kater, den Liebesentzug. "In a little while / this hurt will hurt no more", leidet Bono, um dann beinahe flehend "Slow down my beating heart" zu krächzen. "In A Little While" war übrigens das letzte Lied, das Joey Ramone an seinem Sterbebett gehört hat, eine Geschichte, die dem Lied natürlich für immer einen ganz anderen Kontext, einen anderen Sinn geben wird.

"Wild Honey" ist auch herausragend, mehr nach Beatles haben U2 nie geklungen. Wie die sonnigen, unbeschwerten, beinahe ukligen Songs der Beatles.

Ob U2 mit "All That You Can’t Leave Behind" wieder zur besten Band der Welt wurden, wie sie das im Vorfeld meinten, anzustreben, sei dahin gestellt, bezweifelt. Zurückgemeldet haben sie sich mit "All…" jedenfalls im großen Stil und ihrem (an Klassikern nicht armen) Katalog ein paar weitere Klassiker zugefügt.

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