Kultur

The Morning Line

„Auf dass einem Hören und Sehen vergeht…“

21. Juni 2011 • Kultur1 Kommentar zu „Auf dass einem Hören und Sehen vergeht…“

Ein bizarr geformter, 20 Tonnen schwerer, schwarz beschichteter Aluminiumkoloss, ein Hybrid zwischen Skulptur, Kunstpavillon und Kathedralarchitektur, beschallt seit Dienstag den Schwarzenbergplatz mit zeitgenössischer Experimentalmusik.

Kunst im öffentlichen Raum hat manchmal das Problem, in der Alltagshektik einfach übersehen zu werden. Zu wenig marktschreierisch, zu sehr in das Stadtbild eingebettet oder schlichtweg zu klein. All das trifft jedoch sicher nicht auf den gigantische, schwarz beschichtete Aluminiumskulptur zu, die Kunstkaiserin Francesca Habsburg mit ihrer Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, kurz T-BA 21, nach Wien. Getreu der Prämisse, dass Kunst im öffentlichen Raum immer auch eine verstörende Kunst ist, zielt „The Morning Line“ auf genau jene Störung unserer gängigen Rezeptionsmuster ab.

Lücke, Leere, Nichts. Die Unbewohnbarkeit sichtbar machen

Einen Effekt, den Kunst im öffentlichen Raum aber durchaus bewirkt, ist der, die eigentliche Unbewohnbarkeit und Unbenützbarkeit mancher Plätze im urbanen Stadtraum sichtbar zu machen. So ist die Platzierung des 20 Tonnen schweren Klangpavillions des New Yorker Künstlers Matthew Ritchie und des Architektenteams Aranda/Lasch am Schwarzenbergplatz gut gewählt: Der Wiener Schwarzenbergplatz, theoretisch mitten im Stadtzentrum gelegen, praktisch stadtplanerisch nicht existent. Der Platz mit seinem ausladenen Russendenkmal wird im Stadtraum nicht genützt, höchstens mit dem Auto oder der Straßenbahn umfahren. Das hat Francesca Habsburg mit dem dort errichteten Klangpavillon gründlich geändert, das zehn Meter hohe und 20 Meter lange Aluminiumgebilde kann man schlichtweg nicht übersehen. Und auch nicht überhören.

Nachdem der Pavillon zuerst in Sevilla und 2010 in Istanbul ausgestellt worden war, holt ihn nun Habsburg mit ihrer T-BA 21 nach Wien. Wie schon in den anderen Städten wird das Aluminiumrhizom von Klangkünstlern bespielt, musikalischer Kurator ist in diesem Fall nun „Klangterrorist“ und Kunstprofessor Franz Pomassl. Freunde der komplex komponierten Experimentalelektronik kommen hier auf ihre Kosten: Bis 11. Juni wird der Pavillon von diversen Soundtüftlern mit einer eigens für diesen Zweck konstruierten Soundanlage bespielt: Irritierendes Biepen, Wummern, Knacksen, Zirpen und Wabern wird die nächsten Tage dem umliegenden Verkehrslärm zumindest akustisch Paroli bieten.

Lebendes Klangarsenal

Das Ineinandergreifen der libellenflügelhaften Skulptur, des die Poren der Skulptur durchfließenden Klangteppichs und der feingliedrigen, jeder Statik trotzenden Architektur bildet eine fast organische Einheit, die Tatsache, dass man als Besucher dieses Kunsthybrid auch noch betreten kann, ja sogar betreten soll, verstärken diesen vibrierenden, atmenden Eindruck sogar noch. „Der Pavillon lebt“, sagt der Künstler Matthew Richie. Gemeint ist damit aber nicht nur der wechselnde Aufstellungsort, sondern auch die variierende, ortsspezifische musikalische Bespielung. So wird "The Morning Line" mit neun extra für Wien entstandenen Kompositionen u.a. von Christian Fennesz, Carsten Nicolai und Franz Pomassl beschallt. Das Ziel? Eine Verquickung von?Musik, Kunst und Wissenschaft. Durch diesen künstlerischen Neologismus soll eine Sprache für die Zukunft gefunden werden, eine Sprache die auch das Stadtbild miteinbezieht. 

Laura Windhager

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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Schwarzenbergplatz

Schwarzenbergplatz
1030 Wien
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Eine Antwort auf „Auf dass einem Hören und Sehen vergeht…“ – Verstecken

  1. frkshw sagt:

    geil!
    geil, ein lärmender blechhaufen.

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