Kultur

Mccarthy II

Appropriation Art am Karlsplatz

22. Juni 2011 • Kultur

Dort, wo bis vor Kurzem Stefan Sagmeisters überdimensionaler, weißer, aufblasbarer Affe, Teil der Inflatable Sculptures Reihe „Everybody Thinks They Are Right“, thronte und Passanten wie Autofahrer mit seinem grimmigen Gesichtsausdruck verstörte, dort überragt nun eine etwa sieben Meter hohe, schwarz glänzende, an einen Torso erinnernde Skulptur ihr Umfeld.

Die abstrakte, matt-schwarze Bronzeskulptur, die sich in einer sich um die Drehung um die eigene Achse zu befinden scheint und vage an einen weiblichen Torso erinnert entstammt der Phantasie des amerikanischen Künstlers Paul McCarthy und heißt „Henry Moore Bound to Fail“. Wenngleich man wohl beim blopen Betrachten der Skulptur nicht auf McCarthy schließen würden: Denn hört man den Namen Paul McCarthy denkt man eher an dessen barock’esken, brutal-provokanten Videoarbeiten, seine ironischen Performances und die überdimensionalen, realistischen Skulpturen. Generell kennt man McCarthy als einen Künstler, der sich mit der Kehrseite der amerikanischen Mythen auseinandersetzt: Sei es nun seine Dekonstrukionen von Jeff Koons oder die von Disney, seine Arbeiten sind stets geprägt von einem persönlichen und einem sozialen Ansatz, McCarthy setzt stets Sex und Macht in Relation zum Individuum, den „American Dream“ in Relation zum gelebten sozialen Umfeld.

Angeeignete Formensprache

Umso mehr verwundert „Henry Moore Bound to Fail“. Nichts von McCarthys Formensprache schlägt sich hier nieder, keine Projektionen, keine Vergrößerungen, sondern eine klassische Bronzeskulptur mit Sockel. Aber: Der Titel ist Schlüssel zum Verständnis von McCarthys Werk, denn die Skulptur kommuniziert nicht nur formal , sondern auch räumlich mit dem britischen Bildhauer Henry Moore. Die Skulptur ist so ausgerichtet, dass sie in Sichtverbindung, eine gedachte Luftlinie zu der Skulpturengruppe „Hill Arches“ von Henry Moore bildet, die sich inmitten des Teichs vor der Karlskirche befindet. Sowohl Material als auch Form von McCarthys Skulptur nehmen Bezug auf Moores Formensprache, seine skulpturale Ästhetik. Und genau das ist untypisch im Hinblick auf McCarthys restliches Werk.

„Henry Moore Bound to Fail“ nimmt in McCarthys Oeuvre, sowohl in Formgebung als auch im verwendeten Material, eine Sonderposition ein. Denn wie schon Beuys konzeptioniert der Künstler seine Motive und Materialsymbolik oft über lange Zeit im Voraus, die Idee zu dieser Bronze fußt allerdings in einer Miniaturfigur aus dem Jahre 1960/61. Die damalige Studie hatte jedoch noch keinen expliziten Bezug zu Henry Moore Werken.

Aus alt macht neu

Es dauerte bis 2003/2004, als McCarthy die Arbeiten an der Skulptur wieder aufnahm und erst dann begann er, die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit der Formensprache Moores explizit herauszuarbeiten. Es war auch erst dieser Werkschritt, indem McCarthy auch im Titel auf Moore verwies. Und die Referenz auf Moore wird nun auch ersichtlich, ja gerade zu nicht zu leugnen sind die Parallelen: Die dunklen, fast weich-organisch wirkende Oberfläche, die sich drehende Bewegung, der verfremdete, abstrakte aber dennoch erkennbare Torso, indem sich McCarthy tatsächlich ganz klar Moores Formensprache rekurriert, erinnert all das tatsächlich an die Appropriation Art der 1960er Jahre, also jener Kunstrichtung bei der bewusst und konzeptionell Werke anderer Künstler angeeignet und kopiert werden, wobei der Akt des Kopierens und das Resultat selbst das eigentliche Kunstwerk bilden.

Wenn man also den Appropriation Art Aspekt bei „Henry Moore Bound to Fail“ mitdenkt, so gliedert sich die Skulptur doch in das Oeuvre von Paul McCarthy ein, denn eigentlich verfährt der Künstler mit seinen sozialkritischen Performances, seinen provokativen Vergrößerungen genau wie bei dieser Skulptur: Durch die ironische Aneignung und die subversive Umdeutung bereits etablierter Formensprachen und Materialien und de daraus resultierende Verschiebung in der Wahrnehmung sowohl von Vor- als auch von Abbild erzielt McCarthy den größtmöglichen Effekt.

Wann: 22. Juni – 12. Dezember 2011

Wo: KÖR am Kunsthalle Wien public space karlsplatz, Treitlstraße 2, 1040 Wien 

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Karlsplatz Wien

Karlsplatz
1010 Wien

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