Kultur – Musik

(c) Matias Corral
(c) Matias Corral

30 Jahre Die Toten Hosen – „Ballast der Republik“.

11. Mai 2012 • Musik

Bis zum bitteren Ende, und kein Ende in Sicht. Mit ihrem neuen Album „Ballast der Republik“ melden sich die Toten Hosen zu ihrem dreißigjährigen Bandjubiläum zurück.

Von den dreißig Jahren DTH habe ich zwanzig aktiv mitbekommen, angefangen mit dem Moment, als mich eine rote Kassette mit „Learning English Lesson One“ in punkto Punkrock sozialisiert hat. Die Toten Hosen mit Mitgliedern von legendären Punkbands wie den Ramones, den Vibrators, den UK Subs, deren Songs covernd, „Blitzkrieg Bop“ und „Baby Baby“, natürlich nicht zu vergessen „Born To Lose“ mit Johnny Thunders, der kurz nach der Aufnahme verstarb. 1992 war das, und in den kleinstädtischen österreichischen Musikgeschäften war deutschsprachige Musik in den CD-Regalen damals höchstens durch Schlager, Grönemeyer und, am allerschlimmsten, Westernhagen, vertreten. Üble Zeiten. Nicht lange später waren die Hosen durch die Veröffentlichung der „Kauf Mich“ und der Singleauskopplung „Alles Aus Liebe“ ganz oben und omnipräsent, und ich geistig mittendrin in der Opelgang, die im Gegensatz zu den Ärzten – die immer als drei Einzelcharaktere rüberkamen – auch wirklich eine Gang war. Dass sie sich ein Gemeinschaftsgrab gekauft haben, in dem sie in Bühnenposition (also Campino in der Mitte und so weiter) beerdigt werden sollen, ist da nur konsequent.

30 Jahre DTH – eine persönliche Erinnerung.

30 Jahre DTH. Magical Mystery Touren, „Alex“ und „You’ll Never Walk Alone“. Argentinien und Rock am Ring, Campino im Kloster und die „Sascha“-Single mit „Frohes Fest“ als B-Seite, die mir ein Freund geschenkt hat. Das Weihnachtskonzert 1996 auf Viva, das ich dreißig Mal angeschaut habe, das alte Helgoland-VHS Tape und all die Tourshirts, die mittlerweile mottenzerfressen im Haus meiner Eltern liegen. „Guantanamera“ in der Wiener Stadthalle und Faust (RIP) als Elvis verkleidet, der echte Heino und The Battle of the Bands. Trini Trimpop und Wölli, dann Vom. Campinos britischer Akzent wenn er Englisch spricht, Andis rosaroter dreisaitiger Bass mit Totenkopfoptik. Bunte, schräge Klamotten und Ohrringe, blondierte Stachelmähnen und Campis legendäre Ringelpullover. Ein Bootleg mit „Jürgen Engler gibt ne Party“ das ich in einem Second Hand Laden fand und die Wette mit Bela über die Ärzte-Wiedervereinigung 1993. Eine nicht ganz tolle MTV-Serie und ein sehr tolles Burgtheaterkonzert. „Wort zum Sonntag“, „All die ganzen Jahre“ und „Wünsch dir Was“. Die Kondomwerbung von Erotim Superdrei Feucht auf „Kauf Mich“, der Kettensägenspot und die Kollaboration mit Gerhard Polt und der Biermösl Blosn auf „Kreuzzug ins Glück“. Campino im Duett mit Greg Graffin auf „Raise Your Voice“ von Bad Religion. Weggang vom Majorlabel, Gründung von JKP, Jochens Kleiner Plattenfirma. Die obligaten Sauflieder, ein paar geglückt, ein paar weniger, eines davon Nummer eins in den Charts. Die grandiose „Opium Fürs Volk“ mit „Böser Wolf“, "Bonnie & Clyde" und „Paradies“. Tolle Songs wie„Unsterblich“ und „Nur Zu Besuch“. Punk was, Punk is. 1-2-3-4, Campi und Breiti und Kuddel und Andi und Wölli und Trini und Vom.

Ballast der Republik.

„Ballast der Republik“ blickt nach vorne wie zurück und nimmt sich auch, wie der Titel schon andeutet, auch dem Status Quo an. So behandelt der Opener des Albums Deutschland 2012, seine Altlast und seinen Umgang mit der Vergangenheit. Fürs gemeinsame Texten hat sich Campino den Rostocker Rapper Marteria an Bord geholt, und dieser frische Input scheint gut getan zu haben. So wirkt „Ballast der Republik“ sowohl textlich als auch musikalisch – im besten Sinne – so unangestrengt wie schon lange nicht. „Und immer wieder sind es die selben Lieder / die sich anfühlen, als würde die Zeit stillstehen“. Auch Birgit Minichmayr, mit der Campino ja schon auf dem letzten Album zusammen arbeitete, ist bei einem Lied als Co-Texterin in den Credits erwähnt.

„Ballast der Republik“ ist auch eines: eine Liebeserklärung an den gegangen Weg, ein Gläserheben auf die, die nicht mehr dabei sind (unter anderem die Crew-Mitglieder Elmar Faust, Manfred Meyer und Andreas „Bollock“ Scheuß), eine Durchhalteparole, eine Affirmation, eine Rückschau. Die Themen die, wie die FAZ kritisiert, dem Spießertum gefährlich nahe kommen und "Punkrock mit Berichten zur Lage der Nation verwechseln", sind natürlich im Laufe der Jahre andere geworden. Gut so, bin ich doch heilfroh wenn ich auf einem Toten Hosen Album keine Trinklieder alá "Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)" mehr finden muss, und finde es nur konsequent, dass sich Campino im Alter von fünfzig Jahren textlich eben mit anderen Themen, zum Beispiel seinem Sohn oder dem Tod seines Vaters auseinandersetzt. 

Versuch dich zu erinnern, wir ham so viel erlebt…

„An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“, heißt es in„Tage Wie Diese“. Die Uhren werden sich nicht stoppen lassen, aber auch das gilt es zu feiern. "Ballast der Republik" ist ein schönes, abwechslungsreiches Album geworden, wahrscheinlich das Beste seit "Unsterblich". Erhobene Gläser und alles Gute von Wien nach Düsseldorf.

Markus Brandstetter
www.markusbrandstetter.at

Foto (c) Matias Corral

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